Der Raub des Herz des Lebens

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    • Der Raub des Herz des Lebens

      Da ihr diese Woche leider auf einen neuen Teil der Ritterschaft verzichten müsst, gibt es als Ersatz eine Geschichte von mir, mit der ich am letzten GW-Geschichtenwettbewerb teilgenommen habe. Da sie sich als etwas tief im Fluff verankert erwießen hat, gibts im zweiten Post eine Interpretationshilfe mit dazu. Ich würde mich über eure eigenen Interpretationen allerdings noch mehr freuen. Überspringt dann einfach den zweiten Post und antwortet gleich auf den ersten. Viel Spaß beim Lesen!

      Gegen Ende des Jahres 1338 nach bretonischer Zeitrechnung, schreibt der Oberchronist von Brionne, Albert Moustache, folgende Zeilen in den herzoglichen Geschichtsbüchern nieder:
      „26. Mitterfruhl, Anno 1338; Bei der Stadtwache am Südtor wird ein Mann auffällig. Alle Vegetation um ihn herum ist in plötzlich eintretendem, rasantem Wachstum begriffen. Als man ihm den Weg vertritt, wirft der Vermummte seine Kapuze in den Nacken. Er ist unglaublich alt, bricht auf der Stelle zusammen und ist tot. Seine Herkunft bleibt ungeklärt. Bei sich trägt er einen seltsam pulsierenden Stein.“

      Laut prasselt der Regen auf das schwarz-graue Pflaster, macht es glänzend und nass. Der Mond steht mal voll und fahl am Himmel, mal bleibt er, hinter einem quellenden Wolkengeschwür verhangen, unsichtbar. Windböen ergreifen das herbstliche Geäst, es dröhnt und knarrt, birst und bricht. Es ist schneidend kalt. Die wenigen Handwerker und Bauern des Städtchens, die mir begegnen, sind bis über die Nase in Pelze und Jacken gehüllt. Wie aus weiter Ferne scheint das metallische Klacken der beschlagenen Hufe meines Rappen. Durchnässt und schwer hängt der Reisemantel um meine Schultern, die Kapuze trage ich weit ins Gesicht gezogen. Ununterbrochen sickert Wasser in die Rüstung, sodass sich das Untergewand an den Körper saugt. Es ist ein sonderbarer Ort. Zwar prangt in allen Giebeln bretonisches Zierrat, auch schmückt die Lilie einen jeden Fenstersims, doch haben die Häuser die aller ungewöhnlichsten Ausmaße. Die Türen sind wie riesige Kleiderschränke, die hölzernen Baracken erinnern an Galeonen, wie ich sie zwischen den Kais von Brionne zu Hauf gesehen habe. Gelassen ruhen sie am Hang, den Rumpf emporgerichtet, als wären sie dazu verdammt, ein Leben lang das vor ihnen liegende Tal zu belauern.
      Gerade als ich einen großen, länglich gezogenen Platz erreiche, kommt mir eine Rotte buckliger, mit Speeren bewaffneter Bauerntölpel entgegen. Ihre ledernen Rüstungen hängen in Fetzen. Mit zerschrundenen Füßen watscheln sie durch den Unrat, den ein kleines Bächlein angeschwemmt hat. Pocken und Geschwüre platzen aus ihren Leibern. Zwei von ihnen haben sich Laternen an ihre Stoffkappen gebunden, die Kerzen der anderen sind längst erloschen.
      „Platz da,“ knurre ich. Geduckt entweichen sie.
      Aus einem Wirtshaus dringt Gelächter. Was auffällt; es gibt keine Ritter. Einen Reiter, geschweige denn einen Gaul, habe ich hier noch keinen gesehen. Langsam gleite ich aus dem Sattel. Es stinkt nach Wein, faulem Stroh und Urin. Nur mühsam dringt das Licht durch die verschmierten Scheiben der Schänke. Ratten schwimmen im Abwasserkanal, hieven ihre aufgedunsenen Wänste über Haufen aus Schimmel und Scheiße. Mit einem lauten Knarzen schiebt jemand die Türe des Wirtshauses auf. Eine grauhaarige, fette Frau schlurft gebeugt heraus. Sie trägt eine fleckige Schürze, um den Kopf hat sie ein ausgefranstes Tuch gebunden. Ein Haarbüschel hängt ihr im schiefen Mund. Als sie mich sieht, grunzt sie leise, dann rafft sie ihren Rock bis zum Gesäß, steigt in die Kanalrinne, geht in die Hocke und scheißt. Bis zu den Knöcheln versinkt sie im Morast.
      „Bursche! Wo ist denn hier der verdammte Stallbursche?“
      Die Alte zuckt zusammen und als der zahnlose Stallknecht kommt, ramme ich ihm erst einmal meine gepanzerte Faust in die Brust. „Ist das die Art, wie man einem Ritter aufwartet? Gottloser Dreckslümmel, dir werd' ich's zeigen. Mit der Reitgerte werd' ich dir Beine machen, du Lump.“
      Da wirft er sich mir zu Füßen, wimmert und zittert, fleht um Gnade. Diese hündische Unterwürfigkeit! Doch will ich mich nicht länger als nötig mit dieser laufenden Läuseschleuder abgeben, also schicke ich ihn weg, mein Pferd in den Stall zu führen.
      Erst im Nachhinein finde ich etwas Verblüfftes in seinem Blick. Auch die fette Frau forscht aus ihren Augenwinkeln nach mir. Ich scheine ihnen ebenso wenig geheuer wie sie mir. Was sich dieser Abschaum alles einbildet! Steht es etwa dem Ochsen zu, eine Meinung zu haben von seinem Herrn? Er hat gefälligst zu ertragen! Denken ist die Wiege der Revolte. Man sollte es ihnen verbieten. Auf jeden Fall werde ich den nächsten Widerspenstigen erst einmal ordentlich verdreschen. Meine Finger sind klamm. Ich drücke die Tür zur Wirtsstube auf.
      Dichte Rauchschwaden vernebeln mir die Sicht, eine Wand aus Wärme prallt gegen mich, ertränkt mich in ihrer Wohligkeit. Stimmen - wirr, guttural, heiter. Auch hier drinnen stinkt es nach Wein, Schimmel, Erbrochenem und Exkrementen. Der Rauch brennt mir in den Augen, sie tränen und ich reibe sie mit dem Ärmel. Hinter der Theke, welche die Stirnseite des Raumes einnimmt, wischt der dicke Schankwirt gerade Kelche mit seinem versauten Kittel aus.
      Hinter ihm füllt ein zierliches Mädchen Wein – es ist billiger Château de Brionne – in Zinnbecher. Auf ihrer schwitzigen, glänzenden Haut tummeln sich Schweißperlen, die ihr langsam in den tiefen Ausschnitt laufen. Ihr blondes, welliges Haar klebt feucht und ungewaschen an ihren Wangen. Eine Corsage umfasst ihre schlanke Taille, der beige Rock wirft dunkle Falten. Lebhaft hebt und senkt sich ihre magere Brust.
      Doch: „Bei der Herrin.“ Blitzschnell habe ich das Schwert aus der Scheide. Jäh ersticken die Gespräche. Alle Blicke sind auf mich gerichtet. Was sehen meine Augen da? Welch widernatürlichen Ausgeburten? Welche dunkle Macht mag hier ihre Finger im Spiel haben? Der erwartete Angriff aber, er bleibt aus. Sie sitzen nur da und starren mich an. Sitzen auf ihren Schemeln und gaffen. Pferde, Hengste und Stuten in Mannskleidern und Röcken, laufen auf zwei Beinen, saufen brionner Rotburgunder, spielen Karten und unterhalten sich, als wären sie von Rang und Namen. Gerade als die eingetretene Pause für alle Beteiligten unangenehm zu werden beginnt, erhebt sich ein besonders stattlich gekleideter Hengst. Seine Mähne ist fein säuberlich gescheitelt, um die Schultern trägt der Braunschimmel einen wallenden Umhang. Sein Waffenrock ist mit etlichen Lilien bestickt, auch lederne Beinkleider lässt er sich stehen. Gutmütig ist sein Ausdruck, als er sich mir nähert. Sein Äußeres ist gepflegt und auch seine Ausdrucksweise entspricht den Gepflogenheiten, wie sie eines Ritters von Bretonia geziemen.
      „Werter Herr,“ so spricht er etwas nasal und sichtlich bemüht, „werter Herr. Ich appelliere an Ihre Vernunft. So lassen sie doch von ihrem rabiaten Anliegen ab. Es liegt doch nicht im Mindesten ein Grund vor, sich in Harnisch zu jagen.“
      „Kein Grund? Ich bitte Sie. Was wären das für Zeiten, wo Rosse den großen Herren spielen und der Mensch gleich Gewürm im Unrat kriecht?“
      „Aber wer wird denn so etwas Abwegiges verlangen? Nicht auf die Rasse, auf die Gesinnung kommt es an. Lassen Sie Ihren Blick schweifen, ehe Sie urteilen. Sie befinden sich in allerbester Gesellschaft. Erlauchte Herrn und Damen, sittlich und edel, gebärden sich in unseres Landes Manieren, trotz Schweif und Huf. En contraire hat das Verhalten Ihrer Gattungsgenossen etwas Widerwärtiges, ja geradezu Viehisches. Sie suhlen sich im Dreck und ihre Sprache ist mehr ein Grunzen und Gurgeln. Das müssen Sie ja wohl zugeben, dass es eine Sünde und ein Frevel wäre, einen Geist, so erhaben wie den meinen und den meiner Brüder, vor die Pflugschar solch eines Individuums zu spannen.“
      „Nun ja...“
      „Ei, der Hochmütige! Was denkt er denn? Was wäre denn der Unterschied zwischen Mann und Ross, wenn nicht die Sprache und die Gesinnung? Scheidet nicht der Geist, das Wissen und die Weisheit den Knecht vom Herrn?“
      „Beim Barte des Königs Jules, mir scheint, Ihr seid ein Philosoph.“
      Da nimmt er mich in den Arm. Er zieht mich an seinen Tisch, bestellt mir Château de Brionne und wir prosten uns zu. Lange lausche ich seinen tiefsinnigen Erörterungen. Ich staune über seine sprachliche Gewandtheit. Wie er Bescheid weiß in der Welt. Er redet vom Seehandel, den Häfen von Brionne und L'Anguille, der Seefahrt im Allgemeinen, den Seuchen unter dem Bauernvolk und deren Verdienste um die Tugendlosigkeiten dieser Welt. Seine Worte quellen hervor wie ein unaufhaltsamer Strom, er bläht die Nüstern und immer, wenn er vom Pöbel spricht, verfällt er in einen tiefen Groll. Schließlich unterbricht er sich in seiner Litanei und wir gehen in den Hinterhof des Gebäudes. Jeder für sich betreten wir ein Abort. Selbst in Bretonia ist das Plumpsklo lediglich den Wohlhabenden vorbehalten, was als deutliches Indiz für die Reinlichkeit dieser eigenartigen Hufmenschen zu werten ist. Selbst ein Adeliger könnte nicht umhin, dem mit Lob und Anerkennung zu begegnen. Gerade knöpfe ich meine Hose zu, trete hinaus in die nun sternenklare Nacht, da tönt von weit her der Kirchturmschlag – ich zähle die Stunden nicht. Als ich das Wirtshaus wieder betrete, traue ich meinen Augen kaum. Die Wände sind gewichen. Es duftet nach Moos und Tau. Ich stehe in einem Rankendom. Inmitten einer Lichtung tanzen die Pferde, Hengste und Stuten zur Lautenmusik. Irrlichter huschen zwischen den zuckenden Leibern umher. Eine ausgelassene Fröhlichkeit flutet mein Herz bei diesem sonderbaren Schauspiel. „Nur zu, Herr Ritter,“ fordert mich eine besonders anmutig tanzende Stute auf, „kommen Sie nur. Tanzen Sie doch mit uns.“ Sie hüpfen im Kreis, sittlich, ausgelassen und in ihrer Mitte wohnt das Licht. Immerzu flutet es aus einem goldenen Kelch. Mädchen knien auf der Wiese, flechten Blütenkränze, jauchzen, singen.

      Da erblicke ich Schatten im Unterholz. Es ist die fette Alte, der bucklige Knecht, der Wirt und die Dirne. Stumm harren sie aus, beobachten die Szene. Ich gehe auf sie zu, ihr Makel zieht mich an. Langsam schwindet das tolle Treiben, die Wände kehren zurück. Dunkel und still ist es, kaum sehe ich die Hand vor Augen. Ich spüre wie sich meine Nackenhärchen aufrichten, meine Muskeln spannen sich an. Ich mache einen Schritt, die Diele knarrt ganz fürchterlich. Die Luft schmeckt warm, feucht und salzig. Langsam taste ich mich an der kalten Steinmauer entlang. Ein Glucksen und Raspeln dringt an mein Ohr. Ich ertaste einen Türstock. Es eröffnet sich meinen Augen ein kleiner Raum aus Stein. Aus einem Fenster weit oben dringt schwach Mondlicht herein, durchdringt die beklemmende Schwüle und fällt auf eine Frauengestalt. Nur wenige Schritte entfernt scheuert die Dirne mit ihrem verklebten Haar ihre Schürze auf einem Waschbrett. Im Zuber hat sie siedend heißes Wasser. Ich nähere mich ihr von hinten. Meine Schritte hallen im Gemäuer wieder, doch erst als sie meinen Atem an ihrem Hals spürt, hält sie inne. Ich sehe ihre Schlagader pulsieren, streiche durch ihr nasses Haar, küsse ihre salzige, entblößte Schulter. Grob packe ich sie am Schopf, reiße sie herum. Der Schweiß rinnt ihr in Strömen übers Gesicht. Ihre verschreckten, goldglühenden Augen glänzen feucht. Sind es Tränen? Hat sie Angst? Ich weiß es nicht. Ihr Schmerz, ihre Tugend erregen mich. Ich zerfetze ihr Mieder wie ein Berserker, knete ihre kleinen weißen Brüste, sie wehrt sich, ich dringe in sie ein, dann wird mir schwindlig. Ich sacke zu Boden. Gerade noch spüre ich, wie mich jemand an den Haaren aus dem Raum schleift, dann schwindet mein Bewusstsein.

      Als ich erwache, brummt mir der Kopf. Ich liege in einer ausgetrockneten Pfütze aus Urin und Rotwein. Meine Gliedmaßen schmerzen. Fliegen surren um meinen Kopf. Hinter einem umgeworfenen Tisch richte ich mich auf. Noch immer stecke ich in meiner Rüstung, nur scheint sie Rost angesetzt zu haben. Mein Waffenrock ist besudelt, Wein, Fett, Exkremente, an manchen Stellen hat er Löcher. Gerade als ich aufstehe, huschen zwei Ratten an mir vorbei. Was ich sehe, erschüttert mich. Die Einrichtung ist ganz durcheinander gebracht. Stühle sind umgeworfen, Tische zerschlagen, Scheiben zu Bruch gegangen. Moder und Verwesung liegt in der Luft, Skelette von Pferden und Menschen am Boden verstreut. Bei jedem Schritt knacken Knochen, manche sind angenagt. An den Wänden finden sich Kratzspuren und eingetrocknete Blutspritzer. Langsam arbeite ich mich zur Theke vor. Die Tür zwischen den gestapelten Holzfässern ist angelehnt. Ich trete hindurch in einen dunklen Gang. Es ist stickig, die Granitblöcke zu beiden Seiten sind kalt und ölig. Ich wende mich rechts durch eine Öffnung. Auf einem hölzernen Bottich liegt ein Skelett. Um die Hüften bis zu den Waden trägt es den Rest eines mottenzerfressenen Kleides, das Mieder ist zerrissen. Dort wo einst ein Herz schlug, liegt eine kleine steinerne Figur. Ein glimmendes Licht scheint aus ihr hervor zu quellen. Es ist eine kniende Frau, die Hände zum Gebet vor der Brust gefaltet, das Gesicht schmerzverzerrt. Die Erkenntnis durchzuckt mich gleich einem Blitz. Ich nehme sie, wende mich ab, haste zurück. Die Tür ramme ich zur Seite. Im Freien angekommen verharre ich einen Moment und genieße die durchdringende Wärme des Sonnenlichtes. Alles ist still, nur im Geäst einer Buche jenseits des länglichen Platzes pfeift ein Spatz sein Lied. Auch ich pfeife. Der Knecht erscheint. Er ist buckliger geworden, alt und grau. „Mein Ross!“, befehle ich, doch er zuckt nur mit der Schulter und zeigt auf einen Knochenberg. Da reitet mich ein gewaltiger Dämon. Ich packe ihn am Kragen, doch er schüttelt nur traurig den Kopf, dann zerfällt er zu Staub. Mutlos mache ich mich auf den Weg. Plötzlich fühle ich mich alt. Mein Körper ist wie taub, nur in meiner Hand pulsiert lebhaft der Stein und alles um mich ist erfüllt von neuem Leben.


      Armeebuch Bretonia, S. 63 „Das Herz des Lebens“ (Arkane Artefakte):
      „Dieser pulsierende, moosüberzogene Stein unbekannter Herkunft glüht im Lichte des Lebens. Überall um seinen Träger herum sprießen die Pflanzen in erstaunlichem Maße; Eicheln werden zu Schößlingen und Schößlinge zu Eichen, während das Herz des Lebens an ihnen vorbeigetragen wird.“
    • Hier also die Inhaltsangabe meiner Geschichte:
      Es beginnt mit dem Ende, so viel dürfte klar sein. Der Mann der anfangs zusammenbricht, ist der Protagonist. Ganz am Ende wird dann auch auf den Titel Bezug genommen, das sogenannte „Herz des Lebens“. Das „Herz des Lebens“ ist ein magischer Gegenstand im bretonischen Armeebuch. Er verleiht +1 auf die Komplexitätstests bei Zaubern der Lehre des Lebens, etc. Die Geschichte ist also eine Hintergrundgeschichte zu einem magischen Gegenstand, dessen Herkunft unbekannt ist.
      Zugleich und vor allem ist die Geschichte aber ein Spiegel der bretonischen Gesellschaft und ein Gegenentwurf zum Motiv des strahlenden, unfehlbaren Ritters. So, jetzt zu den Basics. Bretonia ist ein Land der Ritter. Die Herrin vom See (Göttin) hat sie auserkoren, das böse zu bekämpfen und über die Bauern zu herrschen, ihnen im Gegenzug jedoch ein ruhiges und sicheres Leben zu gewährleisten. Da der gewöhnliche Ritter sich nur ungern mit dem ungewaschenen Pöbel abgibt, dafür aber um so lieber mit seinem Schlachtross, wird dem Pferd in Bretonia eine hohe Stellung in der Gesellschaft eingeräumt. Der Verlust seines Schlachtrosses ist für einen Ritter viel schmerzhafter als der Tod eines seiner tausend Bauern. Das ist in der Geschichte im Verhalten des Ritters und den „Fähigkeiten“ der Pferde umgesetzt. Der Ritter begegnet den Pferden als ebenbürtiges Geschöpf (er redet und trinkt mit ihnen), wohingegen er sich gegenüber den Dorfbewohnern, die offenbar nicht von ritterlichem (adeligem) Geblüt sind, herablassend verhält. Desweiteren basiert der bretonische Fluff auf dem Gralsmythos. Die Ritter schwärmen aus, um auf der Quest nach dem Gral zu suchen. Hierzu braucht der Ritter natürlich wieder das Pferd. Das Pferd ist also der Schlüssel zum Gral, auch das ist in dieser Geschichte umgesetzt, denn erst als er auf die Pferdemenschen stößt, kann er den Gral erreichen. Soviel zur Bedeutung der Pferdemenschen. Natürlich kann man den Gral nur erlangen, wenn man sich als würdig erwiesen hat, also eine Prüfung abgelegt hat. In diesem Fall ist die Prüfung die Versuchung.
      Was wir also erleben ist, dass ein Ritter in ein eigenwilliges Dorf geritten kommt, dort auf Pferdemenschen stößt und dann der Gralszeremonie beiwohnt. Der Schlüsselsatz ist folgender:
      „Sie hüpfen im Kreis, sittlich, ausgelassen und in ihrer Mitte wohnt das Licht. Immerzu flutet es aus einem goldenen Kelch. Mädchen knien auf der Wiese, flechten Blütenkränze, jauchzen, singen.“
      In diesem Moment entscheidet er sich jedoch dagegen, weil ihn der „Makel“ der Menschen anzieht (Versuchung). Hier kommt jetzt allerdings die verzwickte Geschichte, bei der ich nicht mehr erwartet habe, dass sie noch jemand erkennt. Die Identität der menschlichen Geschöpfe ist nicht die, für die man sie hält. Es können keine „normalen“ Menschen sein, da sie die Reinheit der Gralszeremonie besudeln würden. Um was es sich handelt wird erst klar, als er die Dirne vergewaltigt, denn da heißt es:
      „Ihre verschreckten, goldglühenden Augen glänzen feucht.“ Ist keiner über den Begriff gestolpert? Warum sollen denn Augen golden glühen? Ganz einfach: In Bretonia wird der magische Nachwuchs durch Kidnapping rekrutiert. Die Feenzauberin (Vertreterin der Herrin vom See auf „Erden“) entführt magisch begabte Kinder ins Feenreich, wo sie zu Zauberinnen oder Gehilfen/inen der Herrin vom See ausgebildet werden. Magisch begabte Kinder erkennt man an den goldenen, oder verschiedenfarbigen Pupillen – zugegeben, das war echt kaum herauszubekommen, aber das sollte auch das mystische Element bilden. Natürlich setzt der Dienst Jungfräulichkeit voraus.
      Der Ritter lehnt also nicht nur den Gral ab, folgt seinem Trieb und vergewaltigt die „Dirne“ sondern er macht etwas viel schlimmeres. Durch die Entjungferung der „Dirne“ wird diese besudelt, sie darf der Herrin nicht mehr dienen, da sie der Reinheit entledigt wurde. Natürlich muss ihr aber auch jedes andere Leben versagt bleiben, da wer einmal der Herrin gedient hat, nicht einfach unter Menschen wandeln kann. Sie muss also sterben und mit ihr alle Anwesenden, die darin versagt haben, den Ritter auf dem rechten Weg zu geleiten. Der Ritter stirbt nur deshalb nicht sofort, weil die Strafe bei ihm eine schlimmere ist, er verliert sämtliche Jahre seiner körperlichen Blüte und lebt als alter Mann nur um und in dem Bewusstsein in Schande zu sterben (natürlich auch, um das Herz des Lebens für die Nachwelt zu erhalten).
      Dass ein so reines Leben wie das der magiebegabten Jungfrau, einer Gottesgehilfin aber ein enormes Seelengewicht hat, sie also nicht einfach so stirbt, ist auch nachvollziehbar. Ihr gebrochenes Herz wird zu Stein (es pulsiert aber weiter) und die Essenz ihrer unschuldigen magischen Seele manifestiert sich. Ihr wird also gewährt über den Tod hinaus Gutes zu vollbringen. Wohingegen der Ritter – das soll die lapidare Notiz in der Chronik zu Anfang bedeuten:
      „Bei der Stadtwache am Südtor wird ein Mann auffällig. (...) Er ist unglaublich alt, bricht auf der Stelle zusammen und ist tot. Seine Herkunft bleibt ungeklärt.“ – nicht mal mehr als Ritter, geschweige denn als Person in die Geschichte eingeht. Er ist vollständig ausgelöscht, es erinnert nichts mehr an ihn.
      So, das wäre es fürs erste gewesen, wenn ihr noch Fragen habt dann haut rein.
    • WOW!!!

      Das ist alles was ich sagen kann.
      Unglaublich gelungene Geschichte die verdammt guten Tiefgang in die Geschichte der Bretonen/bzw. in das Armeebuch aufweisst.
      Find ich super, mit der Erklärung am Ende, auf so einiges wäre ich nicht drauf gekommen. Wie immer wunderschön geschriebe, man dürfte bemerken dass ich wirklich begeistert bin (echt jetzt ! ).
      Das könnte sogar die beste Kurzgeschichte sein, die ich bis jetzt gelesen habe. Was ich auch sehr gut finde, ist der Umstand mit der Vergewaltigung.
      Manche schreiben es so, als wäre Sex in solchen Geschichten zu ihrer eigenem Vergnügen, heisst es ist mMn sehr erotisch angehaucht.
      Bei dir beziehst du dich aufs wesentliche, ohne zuviel auf die "Stellung", wie und wo er sie "nimmt" usw. Allerdings kommen immer noch typische Sätze darin vor um dem Leser zu zeigen, das es hier etwas mit einem (gewollten oder nicht gewollten) Liebesakt zutun hat.
      Das schätze ich sehr an dieser Story.
      Ausserdem liebe ich deine Sätze, ich kann mich durch die altertümliche Sprache, die du benutzt perfekt in das Geschehen hineinversetzen.
      Hinzu kommt das du Details richtig dosiert benutzt, nicht übermäßig viele, um von der Hauptgeschichte abzulenken, auch nicht zu wenig, um den Leser das geschehen genauer vor Augen zu führen.
      Wieder einmal ein sehr gelungenes "stück" von dir, sticht sogar sehr aus der Menge deiner anderen Storys heraus, meiner Meinung nach natürlich^^

      Würde sehr gerne deine Erfahrung im Geschichten schreiben teilen, allerdings ist das denke ich, genauso schwer zu erlenendes Talent, wie das perfekte anmalen von Minis.
      Viele grüße von meiner Seite
      5000 punkte chaos
      1500 punkte oger
      1500 punkte skaven
    • Hey,

      vielen Dank für deinen ausführlichen Post und das viele Lob. Schade nur, dass sich nicht mehr zu der Geschichte geäußert haben.
      Ich denke sehr wichtig beim Schreiben von Geschichten ist tatsächlich Übung, viel lesen und auch "das Richtige" lesen. Was im Einzelfall "das Richtige" ist, kann man nicht sagen, aber tendenziell empfehle ich Hochliteratur. Belletristik ist zwar hübscher zu lesen, aber man lernt auch weniger, finde ich zumindest und es kann durchaus Spaß machen, sich mit einem Werk auch sehr intensiv auseinander zu setzen. Ansonsten einfach immer wieder schreiben, hoffen, dass man gute Kritik bekommt und sich mit jedem Mal ein wenig weiterentwickelt hat. Wichtig ist auch, dass man in seinem Freundeskreis, oder der Familie unterstützt wird, dass man jemanden hat, der einem die Geschichten korrekturliest und eine ausführliche Meinung zu den "Werken" hat, die einen weiterbringt. Das sind so die Vorraussetzungen, die nützlich sind. Aber das hast du alles bestimmt schon tausendmal gehört, deshalb halt ich jetzt meine Klappe, denn gerade bei mir gibts auch noch sehr viel, an was ich arbeiten könnte :)

      p.s.: eigentlich hatte ich mal vor den Einsteigerleitfaden um ein paar speziellere Techniken zu erweitern, aber ich hab grad echt zu nichts mehr Zeit - Möp, naja vielleicht als Weihnachtsüberraschung :tongue:
    • Hallo und Donnerschlag auch. Mir gefällt die Erläuterung im zweiten Teil noch deutlich besser als die Geschichte selbst. Da erst wird deutlich, wie komplex und inhaltsschwer sie aufgebaut ist. Kaum ein Satz ohne tiefere Bedeutung, Respekt. Über Geschmack läßt sich bekanntlich streiten, deshalb mag ich zu Deinem Stil nicht viel sagen: ich finde, an manchen Stellen ist es etwas viel des guten, an anderen zu wenig. Und man muß schon recht wachsam sein und aufpaßen, sonst erschließt sich einem der fabel-artige Charakter der Geschichte nicht. Mein erster Gedanke war, der Ritter kommt in ein verwünschtes dorf, in dem Tiermenschen und Bretonen zusammen leben würden. Trotzdem: toll konstruierte Geschichte
      ich entbiete Euch meinen Gruß, Herzog Richard von Königsborn