Unterm Herdenstein (eine Tiermenschen Geschichte) - Des Dramas Zweiter Teil

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    • Unterm Herdenstein (eine Tiermenschen Geschichte) - Des Dramas Zweiter Teil

      (Vorwort)

      Wer sich fragt, wo es denn zum ersten Teil gehen mag, dem seien folgende Direkt-Links ans Herz gelegt:

      Des Dramas Erster Teil

      (Ein kompletter PDF-download findet sich hier.)



      Hier im Forum sind die einzelnen Kapitel wie folgt zu finden:

      Kapitel 1 - Merrhok
      Kapitel 2 - Kwurhgor
      Kapitel 3 - Gurlak
      Kapitel 4 - Brak
      Kapitel 5 - Bhorgaz

      Kapitel 6 - Hurrlok
      Kapitel 7 - Fhirghaz
      Kapitel 8 - Ghorhok
      Kapitel 9 - Gorlord (Rise and fall)
      Kapitel 10 - Lichter und Schatten

      Kapitel 11 - Der Kodex
      Kapitel 12 - Der Spitzel
      Kapitel 13 - Geheimnisse
      Kapitel 14 - Geheimnisse II
      Kapitel 15 - Wut

      Kapitel 16 - Blut und Tränen
      Kapitel 17 - Aufbruch
      Kapitel 18 - Weiter in die Dunkelheit
      Kapitel 19 - Karnivore
      Kapitel 20 - Falsche Fährte

      Kapitel 21 - Einer unter Vielen
      Kapitel 22 - Kontakt
      Kapitel 23 - Die Söhne des Utu
      Kapitel 24 - Ruhe vor dem Sturm
      Kapitel 25 - Gorlord (Rise and fall) II

      Kapitel 26 - Hammer und Amboss
      Kapitel 27 - Die Schlinge
      Kapitel 28 - Die Schere
      Kapitel 29 - Im Dunkel der Nacht
      Kapitel 30 - Aufbruch im Morgengrauen

      Kapitel 31 - Erwachen
      Kapitel 32 - Schlaflos
      Kapitel 33 - Der Dämon
      Kapitel 34 - In der Falle
      Kapitel 35 - (K)ein Weg zurück

      Kapitel 36 - In der Falle II
      Kapitel 37 - Keine Zeit
      Kapitel 38 - Patt
      Kapitel 39 - Verlorener Posten
      Kapitel 40 - Flucht

      Kapitel 41 - Sie kommen
      Kapitel 42 - Regen
      Kapitel 43 - Flucht II
      Kapitel 44 - Der verlorene Gor
      Kapitel 45 - Die Schlinge zieht sich zu

      Kapitel 46 - Paukenschlag
      Kapitel 47 - Das Signal
      Kapitel 48 - Crescendo
      Kapitel 49 - Schnitte und Risse
      Kapitel 50 - Chaos

      Kapitel 51 - Der Weg zurück
      Kapitel 52 - Im Dunkel
      Kapitel 53 - Im Dunkel II
      Kapitel 54 - Rettung?
      Kapitel 55 - Gorlord (Rise and fall) III


      (Aber nun, weiter im Programm. Hier beginnt... )

      Des Dramas Zweiter Teil





      Kapitel 56 - Zurück im Dunkel


      Bratak und Shargah lauschten aufmerksam den wirren Schilderungen des Ungors. Sie wollten kaum glauben, was er da erzählte. Wenn es sich als wahr erweisen sollte, wäre das eine Katastrophe. Die Oberhäupter beider Herden und zwei hochrangige Häuptlinge sollten einfach so, mit einem Mal, tot sein? Sie würden Gewissheit brauchen. Gerade als Shargah sich umwandte um nach Ghorhok zu rufen, fand er den Bronzehuf direkt hinter sich stehend. Er musste alles mit angehört haben und bot nickend an, in die Tiefe hinabzusteigen um die Häuptlinge - tot oder lebendig - zurückzubringen. Einige seiner Untergebenen würden mit ihm kommen und auch Shargah wollte mit eigenen Augen sehen, was mit seinem Schützling geschehen sein sollte. So machte sich die kleine Gruppe umgehend bereit für den Abstieg, während Bratak noch immer hochkonzentriert und zähneknirschend ins Nichts starrte.

      Mardugor sah dem Bronzehuf und seinen Gors nach wie sie sich an Seilen in die Tiefe jenes Erdspaltes hinabließen, welcher seinen Herrn verschlungen hatte. Noch immer fühlten sich seine Glieder schwer wie Blei und sein Kampfeswille war einem seltsamen Verwirrungszustand gewichen. Er witterte Magie, konnte sich ihrer jedoch nicht erwehren. In diesem Moment traf sein Blick auf den von Bratak, welcher ihn missbilligend anfunkelte, als habe der Häuptling einen von dessen Winkelzügen aufgedeckt.

      Shargahs Augen gewöhnten sich recht schnell an die Dunkelheit. Noch bevor er einen Huf auf den Boden des Tunnels setzte, konnte er die Umgebung um sich herum ausmachen. Die Gor Krieger verteilten sich bereits unterhalb des Risses und untersuchten vorsichtig den Kadaver der erschlagenen Brut. Sie hatten die Warnung des Ungors vernommen und achteten genau darauf, ob die Gliedmaßen des Ungetüms sich vielleicht doch noch bewegen würden. Sie fanden Unmengen von Blut aber keine Leichen ihrer Häuptlinge. Ghorhok warf Shargah einen ernsten Blick zu, sagte aber nichts. Er wies seine Krieger mit einer Geste an den Tunnel vor ihnen zu untersuchen und die Gors bewegten sich vorsichtig in den schwach von grünlichem Licht erleuchteten Gang hinein.

      Am Boden des Tunnels fanden sich Unmengen von Spuren und es roch nach den Hinterlassenschaften von Ungeziefer. Die Gruppe zögerte kurz als sie vor sich Geräusche ausmachte. Es klang wie ein Fiepen oder ein Pfeifen. Sie konnte nicht genau sagen worum es sich handelte aber Shargahs Neugier war unmittelbar geweckt und er drängte sich an zwei der Gors vorbei, um in die Dunkelheit vor sich zu spähen. Am Boden des finsteren Ganges konnte er etwas ausmachen. Vorsichtig näherten sie sich und fanden zwei Leichen. Der erste der beiden leblosen Körper gehörte Kwurhgor. Ghorhok und Shargah erkannten die Überreste des zerschmetterten Rundschildes in seiner Hand, die markanten Tätowierungen und die charakteristisch gefärbten Hörner, welche den blutigen Krater einrahmten, der einst sein Gesicht gewesen war. Bei dem anderen Toten handelte es sich um die entsetzlich zugerichtete Leiche einer mächtigen, ogroiden Lebensform. Shargah hockte sich hin, um einen genaueren Blick darauf zu werfen und murmelte nur, "Skaven". Im nächsten Augenblick war da wieder das Geräusch, welches sie eben schon vernommen hatten. Vor ihnen trat langsam schlürfend eine Gestalt in das schwache Licht, welches von dem in den Tunnelwänden lagernden Warpstein emittiert wurde. Seine Umrisse waren erst nur undeutlich auszumachen. Shargah und die Gors starrten ungläubig und mit offenen Mäulern in die Finsternis vor sich.

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Kapitel 57 – Der verlorene Gor II


      Die Gestalt vor ihnen atmete schwer und gab dabei ein rasselnd pfeifendes Geräusch von sich. Das war es also, was sie soeben bereits gehört hatten. Shargah war wie gebannt. Irgendetwas zog ihn unweigerlich zu der Gestalt hin und so tastete er sich - im Gegensatz zu den Kriegern - Schritt für Schritt an das Wesen vor sich heran. Gerade hatte er sich ihm um etwa drei Ellen genähert, da glühten ihm zwei grell grün leuchtende Augen entgegen. Der alte Schamane erstarrte unmittelbar in seiner Bewegung, die Augen weit aufgerissen. "Magie!" Der Warpstein in den Wänden musste ein unglaubliches Potential in sich bergen. Nur so konnte er sich dieses durch und durch unnatürliche, erschreckend starke Glühen und das Prickeln erklären, welches er unter seiner Haut sowie in den Fingerspitzen spürte, seitdem er den ersten Huf in diesen Tunnel gesetzt hatte.

      Das Wesen tat einen Schritt auf den Schamanen zu und der Alte erkannte die Silhouette vertrauter Hörner in der Dunkelheit. "Merrhok", entfuhr es ihm ungläubig und mit brüchiger Stimme. Der Schatten versuchte etwas zu entgegnen, brachte aber nur ein krächzendes, abgebrochenes Geräusch hervor. Shargah ging nun unvermittelt und mit sicheren Schritten auf sein Gegenüber zu, bis er mehr und mehr Details erkannte welche ihm versicherten, dass dies sein Häuptling sei. Er packte den unbeweglichen Merrhok mit beiden Pranken an den Oberarmen und drückte ihn kurz und fest an sich. Seine Robe wurde unmittelbar mit Blut verschmiert und erst jetzt bemerkte er, dass der junge Gor eine schwere Wunde am Hals zu haben schien. Vorsichtig untersuchte er ihn und hob das Kinn des Gors, um mehr im relativ schwachen Licht der grünlich leuchtenden Kristalle zu erkennen. Er schob den verkrusteten und blutdurchtränkten Bart zur Seite und warf einen Blick auf Merrhoks Kehle. Sie war unnatürlich verformt, als wäre sie erst aufgerissen worden und dann wieder zusammengewachsen. An einigen Stellen war noch rohes Fleisch zu sehen, aber es waren keinerlei lebensbedrohliche Blutungen mehr zu erkennen, auch wenn sein über und über mit Blut verschmierter Körper, der durchtränkte Bart und der triefende Lendenschurz eine andere Geschichte zu erzählen schienen. Shargah war perplex. Der Einfluss des Warpsteins hier musste dramatischer sein als er gedacht hatte! Unter normalen Umständen wäre der junge Häuptling bereits lange tot, da war sich der Schamane absolut sicher. Er zischte Ghorhok und den Gors entgegen zu ihm aufzuschließen, wollte Merrhok jedoch noch so lange wie möglich an Ort und Stelle wissen, um dessen Überlebenschancen nicht unnötig zu gefährden.

      Die anderen Krieger kamen nun dicht an die Beiden heran und sicherten den Tunnel umgehend in Richtung der jenseits von ihnen liegenden Dunkelheit ab. Ghorhok warf einen ungläubigen Blick auf Merrhok, welcher nicht reagierte. Dann schaute er Shargah an, als ob der ihm sagen könne was hier vor sich ging. Der Schamane blieb jedoch still. Abgesehen von den sonoren Geräuschen von Merrhoks Atemzügen war es absolut still hier unten und die Gors wünschten fast sie hätten Fackeln bei sich, um Licht in die Finsternis zu bringen. Denn es war klar, dass hier unten etwas ganz und gar Unnatürliches vor sich ging. Schließlich hatten sie die Leichen von Graktar und Gurlak noch immer nicht ausfindig machen können. Den Angaben des Ungors zufolge, hätten sie sie jedoch bereits unmittelbar bei den Überresten der Brut finden müssen. Wo mochten sie also sein? Nun wo klar war, dass Merrhok wider aller Erwartungen noch am Leben war, gab es dann eine Möglichkeit, dass auch ihr Herr und Großhäuptling noch immer am Leben sei? Angespannt und hochkonzentriert stierten die Mitglieder der kleinen Gruppe in die Schwärze des vor ihnen liegenden Tunnels, als ob sie eine Chance hätten das Dunkel doch noch zu ergründen, wenn sie nur lange genug hineinstarrten.

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Kapitel 58 – Vorwärts!


      Ghorhoks Nerven waren bis zum Reißen gespannt und die Stille in diesem nach Rattenkot und modriger Luft stinkenden Höhlengang nagte an ihm. Einen letzten Blick auf Shargah werfend, ging er langsam vorwärts. Es schien eindeutig, dass der Schamane gefunden hatte weswegen er gekommen war und keinen Gedanken daran verschwendete den unterirdischen Gang weiter zu erforschen. Schritt für Schritt tastete sich der Bronzehuf vorwärts und seine Krieger folgten ihm dicht auf den Fersen.

      Unterdessen schloss Shargah die Augen und legte seine Pranken an Kehle und Brustkorb seines Häuptlings. Die Energien des ihn umgebenden Warpsteins durchströmten ihn wie ein reißender Strom ein Flussbett. Seine Extremitäten prickelten so intensiv, dass er kaum noch Gefühl in seinen Gliedern hatte. Sein Geist war klar und er lenkte die Ströme der magischen Energie, um den Heilungsprozess von Merrhoks Wunden zu beschleunigen. Dabei verlor er sich in Raum und Zeit. Schon nach wenigen Augenblicken war er sich nicht mehr bewusst, dass er tief unter der Erde in einem übel riechenden Tunnel und im geronnenen Blut seines Schützlings hockte.

      Ghorhoks Nackenhaare stellten sich auf und sein Unterbewusstsein machte ihm unmissverständlich klar, dass der Schamane hinter ihm gerade unheimliche Mengen magischer Energien zu kanalisieren begann. Selbst ein nicht magiebegabtes Wesen wie er konnte dies – hier unten, umgeben von all dem Warpstein – spüren. Die rohe Essenz des Chaos ließ keinen der Gors ganz und gar unbeeinflusst. Sie nagte an Körper und Geist, verdrehte ihre Gedanken und langsam aber sicher auch ihre Glieder. Der Bronzehuf beschleunigte seinen Schritt, angetrieben von etwas das ihm Unbesiegbarkeit und die Gewissheit eines großen Schicksals zu verheißen schien. Vom unbeirrten Vorbild ihres Anführers inspiriert, folgten ihm seine Gor Krieger unmittelbar und mit energischem Schritt.

      Zur selben Zeit erstarben die Kämpfe an der Oberfläche immer mehr. Nach und nach verbreitete sich die Kunde vom Schicksal der Herdenführer auch in die letzten Ecken des Schlachtfeldes. Erst bildeten sich kleinere Freiräume zwischen den eben noch kämpfenden Truppen, welche dann zu größeren Klüften anwuchsen und schlussendlich begaben sich die Krieger wieder in ihre Lager oder schlugen behelfsmäßige Unterkünfte für sich und Ihresgleichen auf. Es entstand eine seltsame Art der Solidarität unter den wilden Behuften, welche sich nur durch das gemeinsame Schicksal in Bezug auf ihre Herren, die damit verbundene Ungewissheit und die langsam schwindende Hoffnung erklären ließ. Die von Bratak und einigen der anderen Schamanen angewendete Magie – zum Zähmen der Wildesten unter ihnen – tat ihr Übriges. Ohne den ständigen Zustrom magischer Energien, aus den reichen Vorkommen an Warpstein im Boden, wäre auch dieser Zauber unmöglich lange genug aufrecht zu erhalten gewesen, um das Schlimmste zu verhindern. Einheiten wie die in Raserei versetzten, kriegsbemalten Gors im Süden der Gefechtszone waren dennoch nicht mehr zu bändigen gewesen. Sie besiegelten ihr Schicksal selbst und nur wenige, Betäubte oder schwer Verletzte unter ihnen sollten die Schlacht überleben. Unter dieser Handvoll Krieger war auch Fhirghaz, welcher von einer Keule am Schädel getroffen zu Boden gegangen war und erst später und völlig allein im Schlamm erwachen sollte. Die Sonne war bereits fast untergegangen und das Grau schluckte die Farben der Umgebung, um den Wald schließlich in nächtliche Dunkelheit zu hüllen.

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Kapitel 59 - Einsamer Kampf


      Im rückwärtigen Teil von Gurlaks Heerlager lag Brak auf seiner Schlafstätte und kämpfte mit dem Fieber. Sein Körper wehrte sich gegen die in seinen Rücken gerissene Wunde und die Heilsalben der Schamanen taten das Ihre um ihm bei dieser Prüfung von Körper und Geist beizustehen. Er hatte kein Gefühl für Raum und Zeit. Ihm war nicht einmal wirklich bewusst, dass er sich wieder unter den Seinen befand. Tief in seinem Inneren tobte noch immer ein erbitterter Kampf und auch seine ungeschulten schamanischen Fähigkeiten wurden von den nahen Ansammlungen des Warpsteins geradezu beflügelt. Grelles Lichts leuchtete hin und wieder unter seinen geschlossenen Augenlidern auf und die rohe Essenz der Magie dampfte in dünnen aber sichtbaren Schwaden – wie Rauch aus dem Kopf einer Tabakspfeife – aus den Winkeln seiner Augen hervor.

      Die Ungors, welche sich um die Verletzten kümmerten, machten einen großen Bogen um Brak. Das Ganze war ihnen keineswegs geheuer und sie legten keinen Wert darauf das versehentliche Opfer einer urplötzlichen, unkontrollierten Eruption von magischer Energie durch einen verletzten Artgenossen zu werden. Sie verließen sich so sehr darauf, dass mehrere ihre Artgenossen den Schamanen mit Sicherheit bereits Bericht darüber erstattet hätten was hier vor sich ging, dass tatsächlich keiner von ihnen sich dazu berufen fühlte dies letztendlich zu tun. Und so blieb Brak allein auf seiner Lagerstätte liegend, im Kampf mit seiner Verletzung und der einzige Schamane, der auch nur im Ansatz etwas von der wahren Natur des Gors ahnte, war der alte Shargah, welcher noch immer tief unter der Erde verweilte, um seinem auserwählten Schützling in dessen ganz eigenen Kampf mit seinen Wunden beizustehen.

      Shargah begann indessen Kopfschmerzen zu bekommen. Je länger er die Energieströme durch seinen Körper kanalisierte, desto öfter schien ein kleiner, beißender Schmerz seinen Kopf zu malträtieren. Seine Stirn legte sich unweigerlich in Falten und langsam zog ihn diese unsanfte Erinnerung zu seiner sterblichen Hülle, ins Hier und Jetzt, zurück. Er öffnete seine Augen und fand Merrhok vor sich kniend. Sein Kopf war nach unten gesunken und lag schlaff auf Shargahs Pranke auf. Er war nicht bei Sinnen. Vorsichtig hob der alte Gor das Kinn des jungen Häuptlings an und versuchte dessen Kehle zu betrachten. Wo sich vor kurzem noch eine klaffende Wunde befunden hatte, war die Haut nun komplett verwachsen und sah aus wie von Feuer geschmolzenes und über lange Jahre vernarbtes Fleisch. "Verbluten... ", dachte Shargah, "... wird er nun zumindest nicht mehr." Er schob seinen Arm unter der Achsel des Häuptlings hindurch, umschlang den Brustkorb und hievte ihn auf die noch unsicheren Bocksbeine. Merrhok half so gut es nur ging. Langsam aber stetig bewegten sich die Beiden in Richtung des Aufstiegs zurück. Es war an der Zeit wieder zu ihrer Herde zurückzukehren.

      Ghorhok war unterdessen schon erschreckend weit im Tunnel vorgedrungen und musste all seine Fährtenleser-Fähigkeiten einsetzen um nicht auf falsche Spuren zu geraten. Denn schon bald begann der Tunnel sich zu gabeln. Es gab noch eine Abzweigung und noch eine weitere, von Unmengen an Spuren ganz zu schweigen. Die Gors liefen Gefahr sich in diesem unterirdischen Labyrinth aus Gängen zu verlaufen. Dies war schlichtweg nicht ihr Terrain und nur ihr ausgeprägter Geruchssinn, ihr Gehör und die Fähigkeit selbst bei solch schlechten Lichtverhältnissen noch Spuren lesen zu können, bewahrten sie vor Schlimmerem.

      Mit einem Mal schreckte die kleine Gruppe auf und spitzte die Ohren, wie eine Gruppe aufgescheuchter Rehe. In dem Gewirr der vor ihnen liegenden Gänge hallte ein irres Gelächter wieder. Sie konnten nicht genau festmachen wo es herkommen mochte, aber es wirkte seltsam beängstigend auf die Gor Krieger. Wer oder was mochte hier unten einen Grund zum Lachen finden? Die Stimme klang seltsam vertraut, in etwa wie jene eines Artgenossen. Aber das schien kaum möglich. Ghorhok zwang sich das Unbehagen in seiner Magengrube in Wachsamkeit und schließlich in Wut zu wandeln. Er kniff die eben noch weit aufgerissenen Augen konzentriert zusammen. "Hier entlang", befahl er seinen Untergebenen mit fester Stimme und setzte sich unverzüglich in Bewegung, um der Quelle dieses unverhohlenen Lachens auf den Grund zu gehen.

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Kapitel 60 - Die Ratte


      Ghorhok stapfte zielstrebig in die Richtung, in welcher er die Quelle des Gelächters vermutete. Erst nach einer Weile, als er vor sich Geräusche ausmachen konnte, hielt er inne und signalisierte seinen Gors es ihm gleichzutun. Sie verharrten reglos in ihrer Bewegung und lauschten angestrengt auf alles was sie im Gang vor sich ausmachen konnten. Der Geruch nach Ratten und anderen Lebewesen war hier stärker als noch zuvor. Da war es wieder. Eine Art Zwitschern. Aber nicht wie bei einem Vogel, sondern eher wie bei übergroßem Ungeziefer. Die Gors machten ihre Äxte bereit.

      Der Tunnel vor ihnen mündete in einen weiten Raum, in dem eine Art primitive Stallungen eingerichtet waren. Ghorhok wies seine Krieger an vorerst zurückzubleiben. Er würde vorgehen, die Lage erkunden und ihnen Zeichen geben, wenn sie angreifen sollten. Dann betrat der den weiten Raum und warf einen genauen Blick in die Ställe. Darin befanden sich fette, brutal aussehende und unwahrscheinlich große Ratten. Viele von ihnen wiesen Pocken, Eiterblasen oder verschiedenartige Mutationen auf. Allen gemein war ihre Aggression und Ghorhok gab sich Mühe nicht ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Er hielt sich dicht an der Wand und beobachtete das Gewühl in den improvisierten Verschlägen als plötzlich eine Gestalt den Raum von der gegenüberliegenden Seite her betrat. Der Bronzehuf presste sich in den Schatten und hielt den Atem an. Es musste ein Skaven sein, soviel war Ghorhok klar. Das Wesen schleifte einen leblosen Körper hinter sich her und warf ihn in eine der Stallungen. Augenblicklich stürzten die riesigen Ratten sich auf den reglosen Kadaver, zerrten und fetzten daran bis Haut und Fell sich vom Fleisch und dieses sich wiederum von den Knochen löste. Diese Ratten waren unersättlich und der Geruch und Geschmack von warmem Blut und frischem Fleisch stachelte sie zu einer Art wilder Raserei auf. Ghorhok verzog angewidert das Maul und beobachtete dann, wie der aufrecht gehende Skaven wieder aus dem Raum huschte.

      Ghorhok beschloss ebenfalls auf demselben Weg zu verschwinden, auf dem er gekommen war und einen anderen Zugang zu den Räumlichkeiten jenseits der Ställe zu finden. Bei der Vielzahl an Gängen sollte es kein allzu großes Problem sein die Meute tobender Riesenratten und mögliche weitere Gefahrenquellen so gut es nur ginge zu umgehen.

      Während er sich vorsichtig durch die Tunnel vorwärtsarbeitete, gingen Ghorhok viele Gedanken durch den Kopf. Er war gekommen, um seinen Herrn zurückzubringen. Ursprünglich waren sie nicht davon ausgegangen, dass er noch am Leben sein könnte. Aber nachdem sie bereits einen der Totgesagten lebend angetroffen hatten, wuchsen die Zweifel bei ihm und auch den restlichen Mitgliedern der kleinen Expeditionsgruppe. Es war durchaus möglich, dass er nicht den Leichnam seines Herrn zurückbringen und sein Herz verschlingen würde, sondern dieser ihm früher oder später quicklebendig gegenüberstehen würde. Derselbe Gor, welcher ihn vor den Augen einer ganzen Gruppe von Herdenangehörigen in den Staub geschickt hatte. Diese Schmach hatte Ghorhok nicht vergessen. Und schon der Gedanke daran ließ ihn innerlich rasen. Er musste sich bewusst machen, dass er hier in äußerster Gefahr schwebte und dies weder Zeit noch Ort für solcherlei Gefühle war. Jetzt galt es Gurlak zu finden. In welchem Zustand dieser wäre und was dann weiter geschehen sollte, das würde Ghorhok noch früh genug erfahren, wenn er es nicht hier und jetzt bereits verbockte.

      Er atmete tief durch und zwang sich einen klaren Kopf zu behalten. Dann spähte der Bronzehuf um die nächste Ecke und konnte dort einen weiteren Raum ausmachen, welcher vor kurzer Zeit noch bewohnt gewesen sein mochte. Was er jedoch nicht bemerkte war der Schatten, welcher sich ihm langsam und an die Wand gepresst von der Seite näherte.

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Kapitel 61 - Das Nest


      Als Ghorhok den kärglich ausgestatteten Rattenbau betrat, stieg ihm ein seltsam stechender Geruch in die Nüstern. Wären seine Sinne nicht aufs Äußerste geschärft gewesen, hätte er es vielleicht ignoriert oder gar nicht erst bemerkt. Aber in einer Situation wie dieser, konnte das Ignorieren von Warnsignalen den Tod bedeuten. Er war also nicht ganz und gar unvorbereitet, als er aus dem Augenwinkel eine blitzschnelle Bewegung zu seiner Linken wahrnahm und mit seiner instinktiven Ausweichbewegung nur knapp einem schwarzen Dolch entging. Der Angreifer bewegte sich schnell und in fließenden, scheinbar einstudierten Bewegungen. Sein schwarzer Mantel flog nur so durch die Luft und Ghorhok hatte alle Mühe den Hieben und Stichen seines Gegners auszuweichen. Beide Kontrahenten bewegten sich mit unfassbarer Geschwindigkeit und als der Gor mit einem mächtigen Hieb seiner Axt auf den schwarzen Umhang einhieb, sank dieser leer und schlaff zu Boden. Ghorhok war kurz verwirrt und dies hätte ihn um ein Haar sein Leben gekostet.

      Im nächsten Moment zerplatzte eine Art Beutel vor ihm in einer sich rasch ausbreitenden Rauchwolke und eine Gestalt sprang wie aus dem Nichts auf ihn zu. Instinktiv ließ er seine im Boden steckende Axt los und riss die Hände hoch. So bekam er die Unterarme seines auf Gesichtshöhe auf ihm landenden Gegners zu packen und griff so fest zu wie ein Schraubstock. Die Schwarzen Klingen des in Lumpen und Bandagen gehüllten Skaven kamen nur rund einen Zoll vor Ghorhoks Hals und Schnauze zum Stehen. Wie im Reflex ließ der Bronzehuf seinen gehörnten Schädel nach vorn schnellen und schmetterte dem in Größe und Kraft unterlegenen Nager seine klingenbewehrte Stirnplatte mitten ins perplexe Angesicht. Knochen knirschten und dem Skaven entfuhr ein leises und abgehacktes Quieken. Dann war es still.

      Ghorhok besah sich seinen Angreifer und hielt ihn, die Unterarme des Meuchlers noch immer fest im Griff, vor sich her. Der Skaven hing da wie ein schlaffer, lebloser Sack Knochen und sehnigen Fleisches. Seine unter Bandagen verborgener Schädel war seltsam eingedrückt und mittig gespalten. Es floss kaum Blut. Er musste sofort tot gewesen sein. Ghorhok ließ den Kadaver fallen und betrachtete die beiden Klingen, welche dem Toten aus den Klauen geglitten waren. Sie schienen mit einer klebrigen, schwarz-grünen Substanz bestrichen zu sein und dem Gor lief plötzlich ein Schauer über den behaarten Rücken. Er blickte an sich herab, drehte Arme und Hände vor seinen Augen um nicht den kleinsten Schnitt oder Kratzer zu übersehen. Aber er schien, wie durch ein Wunder, unversehrt. Von Adrenalin durchflutet und unter höchster Spannung vernahm er eine weitere Bewegung im Raum und wandte sich blitzschnell um. Aber es waren nur seine treuen Gors, welche den Raum nach ihm betreten hatten und ihm nun ungläubig und verwirrt ins Antlitz starrten. Ghorhok atmete erleichtert aus und riss seine Axt aus dem Boden. Dann versicherte er sich noch einmal, dass der Skaven auch wirklich tot war. Bei einem Gegner wie diesem, konnte der kleinste Fehler schnell und unweigerlich auch der letzte sein.


      Die Behuften sahen sich in dem kleinen Rattennest um und versuchten keine Spur, welche auf ihren Großhäuptling hätte hindeuten können, zu übersehen. Schlussendlich fanden sie aber nichts Konkretes. Sie schleppten den Leichnam in eine der Ecken und versuchten ihn dort so gut es ging zu verbergen. Man wüsste ja nie, wie wichtig es noch sein könnte unerkannt zu bleiben. Und eine Spur aus Leichen hinter sich herzuziehen war nicht der beste Weg, um unentdeckt zu bleiben. Dann machten sie sich bereit ihre Suche fortzusetzen und betraten leise und in voller Konzentration den nächsten Tunnel.

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    • Kapitel 62 - Tiefe Wunden


      Shargah hatte den halb bewusstlosen und noch immer sichtlich mitgenommenen Merrhok bis zu den Seilen geschleppt und band ihn nun an einem der Stricke fest. Dann rief er etwas nach oben und ruckte ein paar Mal kräftig am Seil. Als Merrhok dann langsam aber stetig hinaufgezogen wurde, schnappte auch der alte Schamane sich eine der Leinen und ließ sich wieder an die Erdoberfläche hieven.

      Oben angekommen atmete Shargah tief durch und genoss die frische und kühle Nachtluft. Für den Moment hatte er das Gefühl, nie freier geatmet zu haben als in diesem Augenblick. Neben sich vernahm er das rasselnde Schnauben des jungen Häuptlings. Er wies einige der Ungors an Merrhok zu den Verletzten zu bringen und ihm ein Nachtlager zu errichten. Er würde später wieder nach ihm sehen kommen. Was der junge Häuptling nun brauchte, war Ruhe und Erholung und wenn die Dunklen Mächte es wollten, würde er vielleicht wieder fast ganz der Alte werden.

      Im hinteren Teil des Lagers, wo die Verletzten und die Vorräte waren, saß Hurrlok bewegungslos auf seinem Nachtlager. Um ihn herum schliefen oder stöhnten die Verwundeten. Der junge Bestigor schien jedoch kaum Notiz davon zu nehmen und brütete in seiner eigenen Welt. In ihm brodelte es. Er war wütend, dass er den Höhepunkt der Kampfhandlungen verpasst hatte. Erst gegen Einbruch der Dämmerung war er wieder zu sich gekommen, als seine Gruppe bereits auf dem Weg vom Fuße des nördlichen Felsens zurück ins Hauptlager war. Das Holpern über steinigen Boden und durch das Unterholz hatte ihn aus seiner Ohnmacht gerissen, nur um ihm vorzuführen was er versäumt hatte. Wie konnten die Dunklen Mächte so etwas zulassen? Er verstand es nicht.

      Als Shargah an ihn herantrat, schaute Hurrlok auf und ihre Blicke trafen sich. Der Ausdruck in den Augen des alten Schamanen schien ihn unweigerlich zu besänftigen und der junge Gor senkte langsam und nachdenklich wieder den Kopf. "Du wirst deine Schlachten noch schlagen, junger Gor. Trachte nicht allzu früh nach dem großen Ende. Es könnte sein, dass du darüber dein junges Leben versäumst." Mit diesen Worten ging Shargah weiter und ließ einen stummen und verdutzten Hurrlok zurück.

      Wie der alte Schamane weiter durch die Reihen der Verwundeten wandelte, erregte etwas seine Aufmerksamkeit. Er konnte nicht genau sagen was es war, aber eine seltsame Form von Magie war am Werk. Ein verletzter Schamane? Ein Heiler? Er schaute sich um und sein Blick blieb auf einem zusammengerollten Körper haften. Als er sich ihm näherte, erkannte er im orangegelben Schein des Feuers, dass es der Gor-Späher war, welchen er noch am Tage versorgt hatte. Von ihm ging eine ungewöhnliche Kraft aus. Shargah konnte keinen Talisman und keine mächtige Waffe an ihm ausmachen. Die Energie musste also aus dem Gor selbst kommen!

      Der Schamane legte seine Stirn in Falten und seine Pranke auf Braks heiße Stirn. Er fieberte. Dann kontrollierte er die Wunde und den Herzschlag des Verletzten. Im Anschluss holte er heißes Wasser und kramte in den Beuteln an seinem Gürtel, bis er ein kleines unauffällig wirkendes Fläschchen daraus hervorholte. Rasch machte er sich ans Werk, um dem jungen Gor bei seinem Überlebenskampf beizustehen. Unter Braks geschlossenen Augenlidern begann es wieder zu glühen. Als Shargah den Inhalt der kleinen Flasche auf der Wunde entleert hatte, schrie der Verletzte vor Schmerzen. Er riss die Augen weit auf und sie leuchteten in den Farben der Dunklen Mächte.

      Shargah war sich sicher, dass er hier einen unterdrückten Schamanen vor sich hatte. Das Leben als Krieger und in metallene Rüstungsteile gekleidet zu sein, hatte seine Bestimmung wohl lange verbergen können. Aber hier, in der Nähe dieser unermesslichen Mengen von Warpstein, musste seine Gabe endlich an die Oberfläche brechen. Körper und Geist des verwundeten Gors kämpften mit dem Tode und sein Talent magische Energien zu formen, zu bündeln und zu kanalisieren trat nun unweigerlich ans Licht. In seinen Taschen fand Shargah zwei Brocken Warpsteins, welche er aus dem Tunnel mitgenommen hatte. Er nahm je einen der Kristalle in jede Hand und führte sie nahe an Braks Wunde und sein Herz. Das grünliche Glühen reflektierte auf der verschwitzten, behaarten Haut des Gors und erneut stiegen kleine, grüne Dunstschwaden aus seinen Augenwinkeln. Sie vereinten sich mit jenen, die den pulsierenden Warpsteinsplittern entstiegen. Shargah stellte sich auf eine lange Nacht ein.

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Kapitel 63 - Ordnung und Chaos


      Mardugor thronte wie ein unbeweglicher, breiter Ölgötze im behelfsmäßig errichteten Kommandozelt von Graktars Herden. Bis geklärt wäre wo der alte Großhäuptling war und wie es nun weiter ginge, war Mardugor das Oberhaupt der vereinten Herden. Er hatte sich bereits einiger Machtansprüche anderer Häuptling erwehren müssen und diese auf rücksichtslose und brutale Art auf ihre Plätze verwiesen. Nun saß er, umringt von Schamanen, in seinem Feldlager und wachte über den Rat der Ältesten. Einige von ihnen waren dafür ebenfalls eine Expedition ins Innere der Erde zu entsenden um Graktar zurückzubringen. Sie konnten nicht verstehen, warum die Gruppe der anderen Seite noch nicht zurückgekehrt war. Neben den Ungors aus Gurlaks Gefolge war es auch einigen von Graktars Gefolgsleuten erlaubt worden an der Erdspalte auszuharren, bis die Anderen zurückkehren würden. Die anfänglichen Berichte des Ungors hatten keinen Zweifel darüber gelassen, dass die Sache schnell ausgestanden sei. Als es jedoch Nacht wurde und noch immer keiner der Hinabgestiegenen wieder nach oben gekommen war, machte sich mehr und mehr Unruhe breit. Dies verschlimmerte sich noch, als der Schamane und einer der Totgeglaubten wieder an die Oberfläche kamen. Sie meinten, dass die Leichen der Herdenoberhäupter noch nicht gefunden werden konnten und der Rest der Gruppe auf ihrer Suche tief in die Tunnel vorgedrungen sei. Und so beriet man nun, was man tun konnte.

      Vor dem Zelt hatten sich viele Häuptlinge mit Gefolgsleuten versammelt, um freiwillig ins Dunkel hinabzusteigen und ihren Herrn zurückzubringen. Mardugor war beinahe gewillt sie gewähren zu lassen. Doch drohte ein solches Getümmel um den Spalt in Streitereien untereinander und mit der Gegenseite auszuarten, welche eine sichere Rückkehr ihres Herrschers einem hohen Risiko aussetzen würde. Er entschloss sich also nichts zu überstürzen und den Gemütern Zeit zu geben, sich abzukühlen. Wenn bis zum Morgen keine Neuigkeiten aus dem Inneren der Erde nach oben dringen würden, würde er persönlich Kontakt mit der Führung der Gegenseite aufnehmen und eine geordnete und handverlesene Expedition entsenden. Der Rat der Schamanen kam damit schlussendlich mit ihm überein. Es galt nun nur die Ordnung innerhalb der eigenen Herden aufrecht zu erhalten. Denn noch immer drohten Überreaktionen aus den Reihen der übrigen Krieger. Auf der anderen Seite konnte es auch zu einer Abwanderung ganzer Herdenteile kommen, welche die Zuversicht in das Schicksal ihres Herrschers und die vereinte Kriegsherde verloren hätten. Graktars Heer wäre nicht das erste, welches einem solchen Umstand zum Opfer fallen könnte. Es war nun in Mardugors Verantwortung, die Flamme in den Herzen der Stämme aufs Neue zu entfachen und sie zusammenrücken zu lassen. Die Rangkämpfe, welche gegen Abend ausgebrochen waren, würden ihren Teil dazu beitragen. Er hatte eindeutig klargestellt, dass er unangefochten über das Herdenlager herrschen würde und sein Wort Gesetz sei. Zum anderen würde es helfen, dass die Schamanen sich geschlossen hinter ihn stellten und Rat hielten. Meinung und Wort der Weisen und Ältesten galt viel unter den Behuften. Schließlich waren sie das Sprachrohr der Dunklen Mächte und ihr Wort mochte sehr wohl Ausdruck und unmittelbare Wille der Kräfte des Chaos sein. Nur wenige wagten es sich dem offen zu widersetzen. Aber Genaueres würde man erst am nächsten Morgen sagen können und so drohte dies eine lange, schlaflose Nacht zu werden.

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Kapitel 64 - Katerstimmung


      Die Asche der Feuerstellen war bereits erkaltet, als die Sonne den neuen Tag ankündigte. In beiden Lagern gab es Schwund zu verzeichnen. Einige der Herdenmitglieder hatten die Zuversicht verloren und ihre Lager abgebrochen. Es lag in der Natur der Behuften sich abzuwenden, wenn ein Häuptling oder eine Kriegsherde den Zenit ihres Erfolges überschritten und die Gunst der Dunklen Mächte verloren zu haben schien. Hin und wieder war es aber auch nur die Aussicht auf vielversprechendere Möglichkeiten, wie man Beute machen oder einfach nur überleben könnte. In solch gefährlichen Gebieten wie dem Drakenwald war es zwar nicht ohne Risiko in kleinen Gruppen unterwegs zu sein, aber in den Augen vieler Krieger hatten die Mächte des Warp ihren wohlwollenden Blick von der Herde und ihren Oberhäuptern abgewendet. Somit drohten beide Heere langsam aber sicher auszubluten, solange ihre Herrscher nicht zurückgebracht worden wären.

      Fhirghaz war, im Gegensatz zu vielen seiner Artgenossen, noch immer im Lager. Er hätte nicht gewusst welcher Gruppe er sich hätte anschließen sollen. Immerhin wurde seine Einheit am Vortag beinahe restlos vernichtet. Bisher hatte er noch keinen anderen Überlebenden der kriegsbemalten Gors angetroffen und wenn er sich überhaupt jemandem anschließen würde, so wäre das – im Falle von Gurlaks Ableben – wohl sicher Ghorhok, wenn er ihn denn finden könnte. Aber im Moment plagten Fhirghaz ganz andere Probleme. Er war soeben erwacht und fühlte sich wie gerädert. Sein Maul war staubtrocken und sein Schädel dröhnte wie eine vibrierende Messing-Glocke. Es gab kaum eine Stelle seines Körpers, die nicht schmerzte. Als er am Vortag niedergeschlagen worden war, mussten einige seiner Artgenossen einfach über ihn hinweggetrampelt sein. Es grenzte an ein Wunder, dass er überhaupt noch am Leben war. In seinem miserablen Zustand fühlte er sich von jeglichem Blutdurst bis auf weiteres geheilt. Wie er so seinen Gedanken nachhing, stieg ihm der Geruch von brennendem Holz in die Nase. Es mochten wohl bereits wieder die ersten Feuer entfacht werden. Er schaute sich um und raffte sich also auf, um etwas zu Fressen aufzutreiben. Sicher war im Morgengrauen gejagt worden und von den Vorräten musste auch noch etwas übrig sein, wenn die Abwandernden nicht alles mit sich genommen hätten. Sein Magen knurrte merklich und so war seine unmittelbare Mission klar: Er musste sich dringend etwas Festes zu beißen suchen!

      Shargah war zum Sterben müde. Vor wenigen Augenblicken war Brak endlich eingeschlafen. Schüttelfrost und Fieber hatten von ihm abgelassen und sein Zustand schien nun stabil. Shargah sah seinen Handlungsspielraum vorläufig als erschöpft an. Es gab also keinen Grund für ihn, sich nicht selbst ein wenig Ruhe zu gönnen. Schließlich konnte im Moment keiner voraussagen, wann er seine Kräfte wieder brauchen würde. Bevor er sich zur Ruhe legte, schaute er noch ein letztes Mal nach seinem Schützling. Merrhok schlief noch. Das rasselnde Pfeifen seiner Atemzüge war zurückgegangen und er atmete nun tief und gleichmäßig. Shargah hatte also auch hier nichts zu befürchten und zog sich daraufhin, mit einem Ausdruck der Zufriedenheit und Erschöpfung auf seinem Bocksgesicht, in sein Lager zurück.

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    • Kapitel 65 - Die Ratte II


      Kar-Wiek war guter Dinge. Ohne allzu großen Argwohn bei seinen Vorgesetzten zu erregen und sich unnötige Feinde zu machen, hatte der aufstrebende Skaven Häuptling es mittlerweile nicht nur zum Kommando über zwei Einheiten Klanratten und eine beachtliche Abteilung Sturmratten – welche er im Namen seines Kriegsherrn und Meisters befehligte – gebracht, er hatte kürzlich auch den Fang seines Lebens gemacht. Ohne dass einer seiner Konkurrenten es bemerkt hätte, war er zweier mächtiger Feinde habhaft geworden. Wer sie genau waren, das war ihm noch nicht bekannt, aber wenn sie zu zweit einer Höllengrubenbrut den Garaus machen konnten, mussten sie wahrlich legendäre Krieger sein, da war er sich absolut sicher!

      Nachdem die Feinde im Tunnel überwältigt worden oder gar geflohen waren, hatte er die beiden Gefangenen wegbringen und die Spuren so gut wie möglich verwischen lassen. Die Brut konnten sie selbstverständlich nicht beseitigen und auch der Rattenoger, welcher einen tragischen Verlust für Kar-Wiek darstellte, war zu schwer um ihn am Stück hinfort zu räumen. Aber gerade als seine Lakaien sich daran machen wollten das Ungetüm und die Leichen der beiden weniger legendären Feinde zu beseitigen, stand einer der beiden Toten einfach wieder auf und mähte vier von Kar-Wieks unfähigen Untergebenen nieder. Der Rest seiner feigen Unterlinge konnte gerade so entfliehen, musste aber die Überbleibsel der verräterischen Spuren zurücklassen. Zumindest war das die Version, die sie ihrem Herrn zu verkaufen versuchten. Aber er war natürlich viel zu gerissen, um sich von solch plumpen Versuchen der Insubordination hereinlegen zu lassen und hatte die Bestrafung der Schuldigen bereits angeordnet.

      Nun saß Kar-Wiek in seinem Bau und rieb sich verschlagen die Pfoten, während seine Gefangenen so gut es ging am Leben erhalten wurden. Immerhin hatte einer von ihnen üble Schnittwunden am Bauch, während der andere eine perforierte Lunge hatte. Aber solange sie die abgetrennte Klaue der Brut nicht herauszogen, hatten seine Flicker noch genügend Zeit sich zu überlegen, wie sie dem Ziegending das Leben retten würden. Unheimlich zäh waren diese Mischlinge ja, das musste Kar-Wiek voller Neid zugeben. Trotzdem würde es seinen Lakaien alles abverlangen sie wieder auf die Beine zu bringen, damit er – Zukünftiger Herrscher seines eigenen Klans – sie wieder in die Knie zwingen und vor sich im Staub kriechen lassen konnte. Beim Gedanken daran entfuhr Kar-Wiek ein diebisches Kichern und er ließ seinen Blick sofort im Bau umherschweifen um sicherzustellen, dass ihn auch niemand bei dieser Entgleisung beobachtet hatte. Geheimhaltung war das oberste Gebot bei historisch politischen Winkelzügen, wie nur er sie zu planen im Stande war! Und er würde sich tunlichst daran halten.

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    • Kapitel 66 - Erwachen II


      Merrhok erwachte, als das der Geräuschpegel und die Geschäftigkeit im Lager mehr und mehr anwuchsen. Das Tageslicht blendete ihn und er kniff die Augen zusammen. Er fühlte sich eigenartig und war nicht sicher, ob das was er sah real war. Aus irgendeinem Grund war er sich sicher, dass er tot sein sollte. Schließlich hatte er sich selbst sterben sehen, hatte gefühlt wie das Leben aus ihm herausfloss und sein Geist den sterbenden Körper verließ. Er war bereits auf dem Weg zu den Dunklen Mächten, nur mussten diese ihn abgewiesen haben. Es gab keinen anderen Grund, warum er noch immer auf dieser Erde wandeln sollte.

      Es war seltsam. Merrhok fühlte sich mit einem Mal fremd unter Seinesgleichen und selbst sein Körper fühlte sich nicht so vertraut an wie er es erwartet hätte. Instinktiv fasste er sich an die Kehle, als ob er erwarten würde dort eine klaffende Wunde zu finden. Stattdessen schien der gesamte Bereich unterhalb seines Bartes jedoch eigenartig verwachsen zu sein. Er wusste nicht, ob er beruhigt oder schockiert sein sollte und blickte sich verunsichert im Lager um. Niemand schien von ihm Notiz zu nehmen und als er versuchte seine Stimme zu erheben, musste er feststellen, dass er nicht in der Lage war zu sprechen. Nichts entfuhr seinem reißzahnbewehrten Maul als ein paar ächzende, gebrochene Laute. Jetzt war er geschockt. Er hatte ein unweigerliches Gefühl von Hilflosigkeit und richtete sich mit Mühe auf. Der Blutverlust hatte ihn sehr geschwächt. Davon abgesehen, schien er aber in relativ guter körperlicher Verfassung zu sein.

      Um wieder zu Kräften zu kommen musste Merrhok trinken und fressen. Ersteres würde er selbst in Angriff nehmen, für letzteres würde er sich an Shargah wenden. Er brauchte etwas Zeit um sich wieder im Lager zu orientieren. Schließlich war er es keineswegs gewohnt unter den Kranken und Verwundeten zu erwachen. Als er sich an einer Feuerstelle mit Wasser versorgt hatte, machte er sich auf den Weg zu Shargahs Zelt. Merrhoks Magen hing ihm bereits in den Kniekehlen und beschwerte sich lautstark. Er wollte Fleisch, pure Energie. Wenn er endlich wieder zu Kräften gekommen wäre, würde er zurückgehen. Ja, er wollte zurück in diesen Tunnel. Aber war es Rache, die er suchte? Darüber war er sich nicht einmal wirklich im Klaren, denn eigentlich fühlte er keinen Hass. Was ihn antrieb, war der Versuch die Leere zu füllen, welche seit seinem Nahtoderlebnis in ihm herrschte. Das Schlimmste war nicht, dass er beinahe gestorben wäre, viel schwerer wog für den jungen Gor, dass er sich vorkam als wäre er isoliert, zwischen den Welten. Er hatte nicht mehr das Gefühl zu seiner Herde zu gehören. Etwas schien ihn unendlich weit von ihnen entfernt zu haben, obwohl er doch unmittelbar unter ihnen weilte. Selbst die Dunklen Mächte hatten ihn - so schien es zumindest - auf der Schwelle des Todes nicht empfangen wollen. Für ein Herdenwesen gab es kaum ein schlimmeres Schicksal.

      Merrhok wollte sich gern einreden, dass die Skaven an allem schuld wären und er sie dafür zahlen lassen würde. Aber das war nicht der eigentliche Grund, warum es ihn wieder unter die Erde zog. Er vermisste etwas. Es ging ihm wie einem Frierenden, der sich nach einem wärmenden Feuer sehnte oder einem Hungernden, der schon seit Tagen einer kräftigen Mahlzeit nachhing. Was es genau war, darauf konnte er nicht den Finger legen, aber er spürte es tief in seinem Inneren. Es fühlte sich an wie Heimweh.

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    • Kapitel 67 - Talisman


      Als Merrhok sich Shargahs Zelt näherte, trat Bratak an ihn heran. Der hellhäutige Schamane beäugte ihn mit finsterem Blick. "Erzähl mir was geschehen ist“, sprach er mit ruhiger Stimme und wies dem jungen Häuptling den Weg zu seinem Zelt. Nachdem Merrhok ihm deutlich gemacht hatte, dass er nicht in der Lage war zu sprechen, versuchte er sich auf andere Art mitzuteilen. Erst mit Gesten, dann auch mit Bildern aus Holzstückchen und kleinen Steinen. Nachdem er sein Bestes getan hatte zu vermitteln woran er sich erinnern konnte, betrachtete Bratak eingehend Merrhoks Narbenlandschaft. "Ganz und gar erstaunlich", entfuhr es ihm beiläufig als er mit abwesendem Blick seinen Gedanken nachhing. Merrhok trat zurück und betrachtete ihn schweigend. Nach einer Weile sah Bratak ihn unverwandt an, als ob er gerade in wichtigen Gedanken gestört worden wäre. Merrhok deutete mit seiner Pranke auf seine Brust, dann zum Zelt hinaus, in Richtung des Erdspaltes. Anschließend formte er mit seinen Lippen lautlos den Namen "Gurlak", ließ seine ausgestreckte Hand fest zu einer Faust zugreifen und führte sie zurück vor Brataks Brust. Der Alte schaute ihn stumm an und nickte. Dann sprach er ruhig, "Gut. Nimm dies. Es mag dir noch von Nutzen sein.", und drückte ihm etwas in die Hand. Merrhok warf einen Blick darauf und packte es in seine Gurttasche. Als er das Zelt des Weisen verließ, drehte er sich noch ein letztes Mal um und nickte dem Alten wie zum Dank zu. Dann verschwand er nach draußen und tauchte in die Geschäftigkeit des Lagers ein.

      Viele der Behuften schienen beschäftigt damit zu sein ihre Lager abzubrechen und sich für den Abmarsch zu rüsten. Da Merrhok nicht bewusst gewesen wäre, dass es Befehle für eine Verlegung der Truppen gäbe, musste er davon ausgehen, dass sich die verbleibenden Krieger auf eigene Faust auf den Weg machten. Er wurde gerade Zeuge davon, wie die Kriegsherde sich in einem rasenden Tempo und unverhohlen vor seinen Augen aufzulösen begann.

      An Merrhoks Entschluss änderte dies jedoch nichts. Er würde jetzt erst einmal seinen Magen füllen und danach würde er sich auf den Weg machen. Wenn bis dahin noch treue Krieger hier wären, dann würde er sie mit sich nehmen. Und wenn nicht, dann sollte es ihm auch recht sein. Mit diesem Entschluss begab er sich erneut in Richtung von Shargahs Zelt. Bei all dem Tumult um sie herum konnte der Alte ja wohl kaum schlafen!

      Merrhok sollte Unrecht behalten, denn Shargah schlief den Schlaf der Gerechten. Gerade wollte der junge Häuptling das Zelt wieder verlassen, da fragte der Alte, "Wie geht es Dir heute?" Merrhok wandte sich wieder um und hätte – selbst wenn er in der Lage gewesen wäre zu antworten – nicht recht gewusst wie er darauf hätte antworten sollen. Er trat also wieder ein und kniete sich auf den, mit Fellen und Tierhäuten bedeckten, Boden der Unterkunft. Shargah erhob sich von seinem Schlaflager und beäugte noch einmal die Verwachsung an Merrhoks Kehle. Der junge Gor öffnete das Maul als ob er sprechen wollte und ihm entfuhr ein schwaches Ächzen. Shargah verstand und nickte. Er würde sich darauf beschränken seinen Schützling zu lesen. Und somit begann Merrhok damit den Alten wissen zu lassen was er vorhatte und wonach es ihm verlangte. Shargah wandte sich sitzend um und zog einen Lederbeutel unter einem Fellstapel vor. Darin war Trockenfleisch, welches er dem hungrigen Gor gab. "Das wird fürs Erste reichen müssen. Unsere Späher sind bereits unterwegs um zu jagen. Sobald sie wieder im Lager sind, bekommst du etwas Frisches." Merrhok verschlang währenddessen gierig die Streifen dunklen Dörrfleisches und schien ganz versunken in seine Tätigkeit. Dann griff Shargah unter ein anderes Fell und holte ein faustgroßes Säckchen hervor. Merrhok blickte kauend auf den kleinen Gegenstand und sah wie der Schamane hineingriff. Als er die Pranke wieder daraus hervorzog befand sich darin etwas grünlich Glühendes, von der Größe eines Wachteleies und Merrhok hörte unmittelbar auf zu kauen. Seine Augen weiteten sich und beinahe wären ihm Reste des Dörrfleisches aus dem Maulwinkel gefallen. Er streckte die Hand aus. "Ich weiß, dass es dich danach verlangt", sprach Shargah ruhig und der junge Gor schaute ihm in die Augen. Dann steckte er den Warpsteinbrocken zurück in das Säckchen und reichte es Merrhok. Dieser griff danach, doch hielt der Alte die Pranke des Gors mit dem Beutel darin fest, schaute ihm tief in die Augen und sprach, "Sei gewarnt, mein Sohn. Nicht alles was du im Moment zu fühlen oder zu denken glaubst ist real. Die Dunkle Macht hat dich zurückgebracht. Aber sie spielt auch mit deinem Verstand. Du hast viel Blut verloren und musst dich erholen. Um das was dir widerfahren ist zu überstehen, musst du stark sein. Denn sonst läufst du Gefahr, dass die Dunkle Energie dich für immer verändert… und ich bin nicht sicher, ob du von dieser Reise je wieder zurückkehren würdest."

      Shargah ließ Merrhoks Pranke los und dieser zog sie samt dem Säckchen langsam zu sich hin, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen. Die Worte des Alten schienen langsam in ihm zu sacken. Dann betrachtete er sein Geschenk. Er hielt es fest wie einen Schatz und wusste erst nicht genau was er tun sollte. Dann griff er sich eines der Lederbänder, welche er um seinen Hals trug und befestigte den kleinen Beutel daran. Als er schließlich an sich herabschaute, verschwand der Talisman unter seinem verfilzten und immer noch grässlich verschmutzten Bart.

      Shargah schaute ihn mit einem gütigen Blick an und sprach, "Wenn du es nicht mehr brauchst, kannst du es zu mir zurückbringen". Merrhoks Blick verriet, dass er sich keineswegs sicher war, ob ein solcher Moment für ihn je wieder kommen würde. "Mach Dir keine Sorgen. Schon bald wirst Du davon ebenfalls geheilt sein. Du musst nur stark sein. Dein Wille formt dich und deinen Weg." Der Ausdruck des alten Gors wandelte sich zu so etwas wie einem Lächeln und er schloss mit den Worten, "Geh nun. Die Ungors werden dich finden, wenn sie mit der Jagdbeute zurückkehren. Bis dahin werde ich schlafen. Ich habe es bitter nötig." Merrhok nickte dem Alten zu und verließ das Zelt mit gesenktem Haupt ohne einen Blick zu erwidern. Die Worte des Schamanen hatten ihn verwirrt und nachdenklich gemacht. So hing er noch einen Moment seinen Gedanken nach. Sein Hunger war mit einem Mal gar nicht mehr so wild.

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    • Kapitel 68 - Audienz


      Als Merrhok nach draußen getreten war und langsam wieder aus seiner Gedankenwelt zurückfand, fiel sein Blick unweigerlich auf die traubenartige Ansammlung vor Brataks Zelt, in welchem er vor kurzem noch selbst zu Gast war. Die üppigen Roben verrieten einige der Anwesenden als Schamanen. Aber keiner von ihnen war ihm bekannt. Einige der Krieger, welche sie umringten, hatten fremde Farben auf ihren Schilden. Sie gehörten nicht zu Gurlaks Herden. Merrhoks Stirn legte sich unmittelbar in Falten und seine Pranken griffen automatisch und unbewusst nach den Knäufen seiner Schwerter. Langsam und ohne den Blick abzuwenden schritt er auf die Ansammlung zu.

      Merrhok war nicht der Einzige, dessen Neugier ihn zum Zelt des Schamanen hinzog. Er erkannte ein paar der nebenstehenden Krieger, gesellte sich zu ihnen und lauschte. Dabei schnappte er Gesprächsbrocken auf und glaubte so viel zu verstehen, dass im Inneren des Zeltes Gurlaks Vertrauter Turgok zusammen mit Bratak in Verhandlungen zu einem mächtigen Gor Häuptling Namens Mardugor stünden. So wie es aussähe, würden wohl auch die Anhänger Graktars eine Expedition unter die Erde schicken wollen, um das Schicksal ihres Großhäuptlings zu ergründen und ihn zurückzubringen.

      Was er da hörte schien Merrhok recht plausibel und durchaus verständlich zu sein, denn auch auf der anderen Seite der Frontlinie verließen die Krieger in Scharen das Herdenlager und die Ratsoberhäupter waren im Zugzwang. Er war sich jedoch sicher, dass er weder auf diese Expeditionsgruppe warten wollte, noch sich der unweigerlichen Rang- und Kompetenzstreitigkeiten stellen wollte. Bis solcherlei Kleinlichkeiten ausgestanden seien, konnten die Bestienherrscher bereits vermodert oder gefressen worden sein. Er machte sich also umgehend auf den Weg zur Erdspalte, um den Abstieg allein zu wagen.

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    • Kapitel 69 - Zurück im Dunkel II


      Auf dem Weg durch das Lager kamen Merrhok einige seiner Späher – die Schädelräuber – entgegen. Sie waren soeben von der Jagd zurückgekehrt und hatten Beute gemacht. Als sie ihren Häuptling sahen, steuerten sie direkt auf ihn zu. Einer von ihnen hatte mehrere tote Hasen über der Schulter hängen, während zwei andere – mit Hilfe eines Astes – ein Reh trugen. Die Ungors wussten, dass der Austausch ihrer Beute normalerweise nur im Verborgenen stattfand und so ließen sie unsichere Blicke umherschweifen. Der Rest der im Lager versammelten Herden schien allerdings vollauf mit sich selbst beschäftigt zu sein. Merrhok war es so oder so egal. Er trat an den Ungor mit den Hasen heran und griff sich zwei der leblosen Mümmelmänner. Der kleinere Tiermensch ließ seinen Herrn bereitwillig gewähren und schaute ihm nach als dieser wortlos von Dannen zog.


      Als Merrhok am Seil hinabstieg, lief ihm ein Schauer über den Rücken. Sein Körper signalisierte ihm eine Art erregter Vorfreude, die sein Geist so nicht erwartet hätte. Für einen Moment hielt er inne, bevor er den Abstieg fortsetzte.

      Unten angekommen schaute er sich um. Der bestialische Gestank, der vor sich hin modernden Brut, war stark genug um einem die Tränen in die Augen zu treiben und so hielt sich Merrhok nicht lange auf, sondern steuerte direkt tiefer in den Tunnel hinein. Seine Sinne waren geschärft und seine Haut fühlte sich an als ob sie elektrostatisch aufgeladen sei. Hin und wieder hatte er das Gefühl, dass kleine Käfer unter seiner Haut entlang krabbelten. Das grüne Licht hatte etwas Hypnotisches und Beruhigendes. Vor sich sah er die Überreste von Kwurhgor und dem Ding, welches versucht hatte ihn zu den Göttern zu schicken, nachdem es bei dem Häuptling mit den roten Hörnern bereits Erfolg gehabt hatte. Beinahe beneidete Merrhok den vor ihm liegenden Gor darum, dass dieser vor ihm zu den Dunklen Mächten heimgekehrt war.

      Der Anblick der zerfetzten und zerhackten Körper am Tunnelboden bot Stoff für nie enden wollende Alpträume und doch verspürte Merrhok in jenem Moment und an diesem Ort eine Art inneren Friedens. Und so stand er da im grünen Halbdunkel, ohne eine Regung und verloren in der Welt seines Geistes.

      Beinahe hätte er sich selbst und seine Aufgabe darüber vergessen, aber das Kribbeln unter seiner Haut wurde immer intensiver und holte ihn schlussendlich in die Realität zurück. Er fletschte die Zähne. Denn es war ihm gar nicht recht, dass diese Energien seinen Körper manipulierten ohne, dass er einen Einfluss darauf hatte. Unvermittelt schlug der Frieden in Wut um. Er spürte, wie sein Puls anstieg und schließlich zu rasen begann. Mit einem Mal wollte er weiter. Er atmete tief ein und sehr lange wieder aus. Dann umschloss er fest die Griffe seiner beiden Schwerter und marschierte weiter in die Dunkelheit.

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Sirgenever schrieb:

      Hattest du mal überlegt für The ninth age zu schreiben? Dann würden deine tollen Geschichten von der ganzen Welt gelesen
      Dann hätte ich gleich von Anfang an in Englisch schreiben sollen. :) (Oft denke ich auch, dass mir das leichter fallen würde als im Deutschen.)

      Aber das würde hier sicher den meisten Lesern wiederum nicht gefallen... (glaube ich zumindest). Und in erster Linie mach ich's für Euch! :winki:

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche