Unterm Herdenstein (eine Tiermenschen Geschichte) - Des Dramas Dritter Teil

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Unterm Herdenstein (eine Tiermenschen Geschichte) - Des Dramas Dritter Teil

      Hier geht's zu Teil 1. (ebenfalls komplett als PDF-download, hier)
      Hier geht's zu Teil 2. (ebenfalls komplett als PDF-download, hier)



      (Und nun beginnt... )

      Des Dramas Dritter Teil





      Kapitel 109 - Ankunft


      Es regnete bereits seit drei Tagen. Die Herde hatte die Straße der Menschen passiert, die Ausläufer einer nahegelegenen Siedlung in einem nächtlichen Überfall geplündert und war nach Norden weitergezogen, bevor die lokale Gesetzesgewalt der Menschen zur Gegenwehr mobil gemacht hatte. Der Waldboden gab bei jedem Tritt der unzähligen Hufe vor Wasser schmatzende Geräusche von sich. Die Behuften waren nass bis auf die Haut und einige der Ungors trugen ihre Schilde über dem Kopf, damit ihnen das Regenwasser nicht unaufhörlich in die Augen liefe. Die Bäume standen hier weniger dicht und ihre Reise führte die Gruppe nun merklich bergauf. Einige der Karren waren nach dem Raubzug wieder schwer beladen und die Ungors halfen dabei, die Wagen auf unwegsameren Abschnitten voran und weiter den Berg hinauf zu schieben. Shargah erkannte einige der markanten Formationen wieder. Durch die lichterwerdenden Bäume konnte er die Konturen der Bergkette vor sich als dunkles Grau auf hellem Grau, durchschnitten von dichten Schauern, erkennen. Der Regen tropfte vom Rand der Kapuze auf seine Nüstern und lief an den Lippen hinab, in seinen Bart hinein. Einen Moment blieb er stehen und starrte das Bergmassiv an, bevor er sich wieder besann und seinen Marsch an der Spitze der Herde fortsetzte.

      Einen Tag später hatten sie nicht nur den immer beschwerlicher werdenden Aufstieg geschafft, sondern dank des alten Schamanen auch jene verborgene Passage gefunden, welche ihnen Zugang zur Versammlungsstätte gewähren würde. Das Wetter hatte sich nicht gebessert und so lief der Regen unaufhörlich über die Felsformationen um sie herum, ihre Rücken hinunter und den Hang hinab. Der Boden war längst nicht mehr in der Lage das Wasser noch aufnehmen zu können. Schlammig braune Rinnsale hatten sich gebildet und flossen den Tiermenschen um die Hufe. Aber nun endlich, nach Tagen der Wasserfolter und des öden, monotonen Marschierens, waren sie an ihrem Ziel angekommen. Vor ihnen ragte, in einem Talkessel umringt von Höhlen und steinernen Formationen, ein einzelner, steil in die Höhe gewachsener Monolith auf. Es war ein bedrohlich wirkender, düsterer und an einigen Stellen eigenartig schimmernder Herdenstein.

      Aus einer der Höhlen schälte sich im Grau des Unwetters eine mächtige Gestalt. Die Ungor Späher starrten bewegungslos und hielten sich an ihren Speeren fest, als die massige Gestalt sich langsam auf sie zu bewegte. Mit jedem Schritt, den das Ungetüm auf die ersten Ankömmlinge der Herde zuschritt, wurden Details seiner Erscheinung deutlicher. Der Regen lief in Strömen an den gewaltigen Rindshörnern des Kolosses hinab und verschmolz mit dem Nass, welches seine Haut und Schultern glänzen ließ, wie den geölten Körper eines Athleten. Shargah trat vor und grüßte den Sturmbullen, den Hüter des Herdensteins, mit einer Handbewegung. Der riesige Minotaurus blieb stehen und gab keinen Laut von sich. Lediglich ein schweres, kräftiges Schnaufen war für jene zu vernehmen, welche der beängstigenden Erscheinung an nächsten standen. Die Ungors, welche sich um und nun vor Allem hinter Shargah scharten, hatten allesamt weiche Knie.

      Trotz seiner ganz und gar ruhigen Art, strahlte der stierköpfige Hüne eine unheimliche Macht aus. Wer eines dieser Wesen einmal auf dem Schlachtfeld erlebt hatte, mochte kaum glauben, dass sie in Friedenszeiten zu den wohl ruhigsten und friedfertigsten Zeitgenossen zählten, welche unter den Herdensteinen der Alten Welt weilten. Dieser Sturmbulle – wie die Häuptlinge unter den Minotauren genannt wurden – war einer der hochrangigsten und mächtigsten seiner Art. Über ihnen standen nur die Todesbullen. Legendäre Wesen, mächtige Anführer und absolut tödliche Kampfmaschinen, welche jedoch so selten waren wie ein friedliches Plätzchen in den Nördlichen Einöden. Nur wenige der anwesenden Behuften hatten je ein solches Wesen gesehen und selbst dieser Sturmbulle vor ihnen flößte bereits genügend Respekt ein um sicherzustellen, dass die Sitten und Bräuche der Herdenversammlung ausnahmslos eingehalten würden.

      Nach und nach trafen die Gors, die Wagen und auch die Häuptlinge ein. Während all der Zeit hatte sich der Hüter nicht einen Zoll bewegt und erst als Gurlak an ihn herantrat und sein Anliegen vortrug, wandte sich der stierköpfige Riese in Richtung des Monolithen ab und gab somit symbolisch den Weg frei, auf dass Gurlak sein Zeichen am Herdenstein machen könne und die Herde sich in den umliegenden Höhlen niederlassen dürfe. Umgehend machte sich der Häuptling daran, seinen Namen in den mit schwarzem Quarz durchzogenen Stein zu kratzen und die Stärke seiner Herde zu vermerken. Von dem Stein ging eine eigenartig elektrisierende Energie aus und er wagte kaum ihn mit mehr als seiner Klinge zu berühren. Dann blickte er an dem steil aufragenden Monolithen empor in den grauen Himmel. Der Regen fiel ihm unter die Bestigor Haube und mitten ins Gesicht. Mit zusammengekniffenen Augen stellte er fest, dass das Entzünden des Signalfeuers wohl noch etwas warten müsste. Warten… genau wie er und seine Herde, deren Geduld dieser Tage allzu oft auf die Probe gestellt wurde. Immerhin hätten sie nun einige Höhlen als Unterschlupf, um nicht permanent dem Wetter ausgesetzt zu sein, welches bereits überdeutlich an den Nerven der übrigen Herdenmitglieder genagt hatte. Sie waren keine Minute zu früh hier eingetroffen.






      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Toll, dass es weitergeht! Jetzt lass uns aber bitte auch nicht angefüttert hängen! :P
      Endlich ist das Ziel erreicht, dass schon seit etwa 100 Kapiteln anvisiert ist... Was passiert nun hier? Wird sich eine Kriegsherde sammeln, die die alte noch bei weitem übertrifft? Wird Brak von Shargah unter die Fittiche genommen, um sein Potenzial auszuschöpfen? Erhält Merrhok seine Stimme wieder? (Wozu braucht er die eigentlich? Läuft doch auch so.) Wird Ghorhok seinen Großhäuptling schon jetzt herausfordern, um die neue Herde anzuführen? Und was ist mit Graktar?
      Hau in die Tasten und lass es uns wissen!
      By the way, super, wie du den Minotaurus beschrieben hast. Ich hoffe, das war nicht sein letzter Auftritt! ("Im Hintergrund wachte stumm, aber aufmerksam der hünenhafte Sturmbulle über die Versammlung." gilt nicht als Auftritt! ^^ )

      Das also sind diese Tage, an denen man zuhause sitzt, Bier direkt aus der kaputten Kaffeemaschine trinkt und wartet, dass es regnet, damit man endlich raus kann. - Horst Evers




    • Kapitel 110 - Das Ende des Regens


      Es sollte einen weiteren Tag und eine Nacht dauern, bis der Regen endlich aufhörte die Erde und die Kreaturen unter dem Himmel zu malträtieren. Gurlak hatte direkt nach ihrem Eintreffen Holz zusammentragen und in einer der Höhlen zum Trocknen stapeln lassen. Wenn alles lief wie geplant, würde es hoffentlich bald seinen Dienst tun können und die Kinder der Dunklen Mächte von Fern und Nah herbeirufen. Die dicken Rauchschwaden, welche das Holz produzieren würde, wären auch bei Tag weithin sichtbar. Schon bald würden sich die Kreaturen der Wälder zu ihnen gesellen, ihre Ränge sollten sich erneut füllen und sie würden das Land abermals mit Krieg überziehen. Ein sanfter Schauer lief Gurlak bei diesem Gedanken über den Rücken. Ihm war aber auch klar, dass die Karten an diesem Ort neu gemischt und verteilt werden würden. Wenn er vorhatte die Herden zu führen, müsste er sich dies verdienen und allein in seiner eigenen Herde war die Konkurrenz bereit und ungeduldig, ihm die Macht zu entreißen. Die alte Leier erwartete ihn und er würde die Ruhe bewahren, so gut es ihm Körper und Geist erlaubten. Sollten die Mächte der Verderbnis ihn erneut an der Spitze einer Kriegsherde sehen wollen, so würde er ihrem Ruf folgen und ihre Kinder abermals unter sich vereinen. Wenn dem jedoch nicht so wäre, dann würde er auch dies hinnehmen müssen. Alles hatte seine Zeit und jeder von ihnen hatte ein Schicksal zu erfüllen. Die Meisten überschätzten nur den Einfluss, den sie tatsächlich auf die Dinge und ihre eigene Zukunft geltend machen konnten. Gurlak hatte keine großen Hoffnungen mehr, keine Träume und dennoch schenkte ihm ein unerklärliches Urvertrauen auf den Plan seiner Erschaffer die dringend notwendige Ruhe.

      Andere waren nicht unbedingt mit der gleichen Art Ruhe gesegnet. Ghorhok war nur einer von vielen Emporkömmlingen, die der Ankunft weiterer Herden regelrecht rastlos entgegensahen. Allein wenn der Bronzehuf an den bevorstehenden Gorkampf dachte, begann sein Puls sich unkontrolliert zu beschleunigen und ihm blieb kein anderes Ventil als sich an kleineren und schwächeren Herdenmitgliedern abzureagieren. Auch die Schamanen waren bereits schwer damit beschäftigt, die Rituale vorzubereiten, um erneut Kontakt zu den Dunklen Mächten zu suchen und ihren Rat einzuholen. Der kürzlich erbeutete Alkohol, einige Pilze, diverse Pulver und Tinkturen, sowie die anderen Schamanen – welche sich sicher bald anschließen würden – hätten dabei ihre Rollen zu spielen. Egal wie oft die Weisesten unter den Gors bereits zu einer ihrer Geistreisen angetreten sein mochten, es war immer wieder ein unbeschreibliches Erlebnis und die Erregung im Vorfeld war selbst unter den ältesten Schamanen jedes Mal äußerst groß. Shargah hatte vor, Brak diesmal mit auf die Reise zu nehmen. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass es die richtige Entscheidung wäre. Wenn der junge Gor zu dem stünde, was da in ihm schlummerte, könnte er einer von ihnen werden. Es gab nur ein Problem, was die Kontaktaufnahme mit den Mächten der Verderbnis anginge. Morrslieb war bereits wieder dabei sich stetig von ihnen zu entfernen. Vor ein paar Tagen noch, hatte seine Nähe ihnen das Geschenk gemacht weit von einem mächtigen Herdenstein wie dem hiesigen entfernt, auf einem Schlachtfeld, mit den Boten der anderen Seite zu kommunizieren. Aber auf absehbare Zeit würde er eine solche Großzügigkeit schmerzlich vermissen lassen. Der ideale Zeitpunkt war verstrichen und die Schamanen würden sich etwas einfallen lassen müssen, um die Barriere zu überwinden und die Aufmerksamkeit der Verderbten auf sich zu ziehen.

      Die letzten Regentropfen fielen an den mit Nässe vollgesaugten Lederbannern herab, welche schlaff und schwer an ihren Bannerstangen hingen. Die braunen Schädel, welche die Kronen der Standarten und diverse Pfähle um den Steinkreis herum zierten, verliehen der Szene etwas zutiefst Morbides. Zugleich waren sie aber auch das einzig Lebensnahe, was an diesem feuchtkühlen Morgen draußen auf dem Versammlungsplatz zu finden war. Auf eine eigenartige Weise wirkte noch immer etwas von dem nach, was die einstigen Besitzer der Schädel zu Lebzeiten ausgemacht haben mochte. Der Wind wehte beständig und die Hochebene lag still und trist, bis auf das gelegentliche hohle Klappern der Knochen und Schädel, wenn sie gegeneinanderstießen. Hoch oben, am Himmel waren ein paar Krähen zu hören, als sie ihre Kreise über dem Lager zogen. Noch deutete nicht allzu viel darauf hin, aber dies würde ein verheißungsvoller Tag werden.

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Kapitel 111 - Unterm Herdenstein


      Am Vormittag brach die Wolkendecke auf und die Sonne begann die nassen Felsformationen zu trocknen. Ein Regenbogen war am Himmel zu sehen und Shargah konnte nicht anders als über die Farben der Winde der Magie nachzudenken. Die Schwarzen Strukturen im Herdenstein schluckten beinahe jedes Licht. Nur sehr selten, in den äußeren Bereichen, war so etwas wie ein grünlicher Schimmer zu erkennen. Als der alte Schamane seine Hand nach einer der Adern im Gestein ausstreckte, konnte er bereits auf die Distanz von zwei Fuß ein starkes Prickeln in seinen Fingerspitzen spüren. Die Energie, welche von dem Stein ausging, war stark. Allemal stark genug um – mit etwas Hilfe – während der Rituale Kontakt herzustellen. Was Shargah im Moment nicht wagte war, die Warpstein Adern tatsächlich zu berühren. Er erinnerte sich an die Narben, welche den Oberkörper, die Brust und die Innenseite der Arme des Sturmbullen zierten. Ihm war durchaus bewusst, dass sie von einem der archaischen Rituale seiner Rasse herrührten. In diesem Fall waren sie mit aller Wahrscheinlichkeit entstanden, als der Bulle den Herdenstein umarmt hatte, um ihn anzuheben. Ein lebensgefährliches Unterfangen, welches dem Minotaurus äußersten Mut, mentale und körperliche Stärke abverlangt haben musste. In der Berührung mit dem Stein mochten unheimliche Qualen aber auch Erkenntnis und die Transformation zu etwas weit Größerem und Mächtigeren zu finden gewesen sein. Für ersteres bewunderte er den angsteinflößenden Hünen, um die Einblicke in das Reich der Verderbnis jedoch, beneidete er ihn geradezu. Nur die physisch und geistig stärksten Krieger waren in der Lage die unmittelbare Berührung mit dem Chaos zu überstehen, ohne sich selbst – ihren Körper und ihren Geist – an die verzerrenden Kräfte zu verlieren. Dieser Sturmbulle musste so etwas wie eine lebende Legende unter Seinesgleichen sein und Shargah überkam der Drang, den Namen dieses Minotaurus in Erfahrung zu bringen. Er würde ihn gern bei passender Gelegenheit danach fragen.

      Das noch immer nicht ganz durchgetrocknete Holz knisterte und knackte, als die Flammen begannen es nach und nach aufzuzehren. Funken flogen und ein angenehmer, verheißungsvoller Duft legte sich über die Versammlungsstätte. In den Köpfen der Anwesenden Tiermenschen manifestierten sich unweigerlich die verschiedensten Eindrücke und Assoziationen. Die Hungrigen glaubten, dass sie bald fressen würden, die Ungeduldigen hofften, dass die Erfüllung ihrer von Machthunger getriebenen Sehnsüchte in greifbare Nähe gerückt sei und die Mordgierigen waren sich sicher, bereits den metallischen Geruch von Blut wittern zu können. Das Signalfeuer würde die Behuften in diesen Teilen der Wälder anziehen wie das Licht die Motten. Einige würden eine Weile suchen müssen, bis sie den Zugang zur Versammlungsstätte gefunden hätten, erfahrenere Kriegsbanden wüssten jedoch, wie sie den unheiligen Ort erreichen konnten und wären schon bald damit beschäftigt ihr Zeichen am Herdenstein zu hinterlassen, um sich der infernalischen Prozession anzuschließen.
      Es dauerte nicht lange bis sich die ersten Kinder der Dunklen Mächte als Teil der Versammlung anschlossen. In erster Linie handelte es sich dabei um kleinere Grüppchen. Ungor Rudel, Gor Banden, einige hatten Hunde bei sich. Keines dieser Grüppchen wurde von echten Häuptlingen angeführt. Es waren eher kleinere Zusammenrottungen kampfhungriger Krieger und Plünderer, welche sich Futter und Beute davon versprachen, sich einer größeren Herde anzuschließen. Genau jene Tiermenschen bildeten oft das Rückgrat einer Kriegsherde. Einzeln waren sie für einen bewaffneten und organisierten Feind keine allzu große Bedrohung. Aber vereint, in der Masse und unter der strengen Führung eines rücksichtslosen Häuptlings, wurden sie zu einer ernstzunehmenden Bedrohung. Sie kannten sich in den Wäldern aus. Es waren ihre Jagdgründe und sie waren gewillt, jeden Eindringling mit Nachdruck daran zu erinnern.

      Die Ränge der namhaften Einheiten unter Gurlaks Banner waren im Verlauf der vorangegangenen Auseinandersetzungen und der Auflösung der Großherde stark ausgedünnt worden. In einigen Fällen war dies sogar noch die positive Art den Zustand der Regiments-Überbleibsel zu beschreiben, da es Einheiten gab, welche aus nicht mehr als einer Hand voll Kriegern bestanden. Das frische Blut, welches nun nach und nach am Herdenstein eintraf, war also nicht nur willkommen, sondern dringend notwendig. Trotz Allem, mussten die Anwärter sich teilweise barbarischen Ritualen unterziehen, um aufgenommen zu werden. Unter den aufgepflanzten Bannern der Söhne der dreiäugigen Bestie, sowie bei den Schwarzhufen wurden nur vollwertige Gors akzeptiert. Es müssten entweder Caprigors oder Bovigors sein. Jene mit zu vielen Mutationen oder zu geringfügig ausgeprägten Gor-Merkmalen, würden ihren Platz wohl eher in anderen Einheiten oder gar unter den Spähern suchen müssen. Kämpfe gegen alteingesessene Einheitenmitglieder verstanden sich von selbst und zielten weniger darauf ab, dass die Anwärter einen eindeutigen oder blutigen Sieg erringen müssten, als mehr festzustellen, ob sie als einzelne Individuen den Mut und die Nerven hätten, sich dem Rudel entgegenzustellen, sowie die eigene Position zu verteidigen und zu behaupten. Die Gors, welche diesen Ansprüchen gerecht werden konnten, würden noch in derselben Nacht als Brüder unter Brüdern willkommen geheißen. Als Mitglied der Schwarzhufe würden die Hufe der erfolgreichen Anwärter selbstverständlich als Teil einer Zeremonie schwarz gefärbt. Die Zusammensetzung der dafür verwendeten und äußerst robusten Farbmischung war dabei ein Geheimnis, welches nur den Mitgliedern der Einheit bekannt war. Es würde ausschließlich innerhalb der Gruppe weitergegeben werden oder mit ihnen untergehen.

      Bereits bei Anbruch der Nacht hatten viele Krieger die Aufnahmerituale lebend und erfolgreich hinter sich gebracht. Die Ränge der Gor Einheiten hatten bereits nach kurzer Zeit und trotz der verlustreichen Kämpfe der vergangenen Tage endlich wieder ihre Sollstärke erreicht. Somit lag es auf der Hand, dass sowohl die Neuankömmlinge als auch der Rest der ursprünglichen Herde heute ausgelassen und bis tief in die Nacht feiern würden.



      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Kapitel 112 - Stunde der Wilden



      Je mehr Behufte die Ebene unter dem Herdenstein betraten, desto intensiver begann Gurlak über den bevorstehenden Gorkampf nachzugrübeln. Der einzige Kontrahent, welcher ihm nachhaltig Kopfschmerzen verursachte, war Ghorhok, der Bronzehuf. Gurlak war sich im Klaren darüber, dass es sich bei dem Kampf um jenen Moment handelte, auf den sein Kontrahent bereits so sehnlichst gewartet hatte. Es grenzte geradezu an ein Wunder, dass er nicht bereits vorher eine der unzähligen Gelegenheiten genutzt hatte, um Gurlak herauszufordern und sich den Platz an der Spitze der Herde zu sichern. Immerhin entsprach es keineswegs der Art der Behuften, allzu große Loyalität gegenüber jenen an den Tag zu legen, welche ihre Kraft und Macht eingebüßt zu haben schienen. Insbesondere wenn er daran dachte, wie Ghorhok in der Schlacht aus sich heraus kam und dabei seiner Leidenschaft für das Blutvergießen nachgab, war ihm die derzeitige Disziplin des Gors völlig unverständlich. Aber letzten Endes mochte es wohl gar nichts mit Loyalität zu tun haben. Es war möglich, dass der Bronzehuf nur gewartet hatte, weil er die volle und ungeteilte Aufmerksamkeit der versammelten Herden haben wollte, wenn er nach der Macht greifen würde. Möglicherweise brauchte er ja das Publikum. War es also eine Frage des Egos? War es die Eitelkeit, welche ihn so stoisch auf die Stunde der Wahrheit warten ließ? Während Gurlak stirnrunzelnd vor sich hin grübelte, kam er nicht umhin so etwas wie verhaltene Bewunderung für die Eselsgeduld seines wohl ärgsten Rivalen in der Rangfolge zu empfinden.

      Während Ghorhok die Zeit damit totschlug seiner Hörner zu schärfen und von Ungors bemalen zu lassen, geisterte in Gurlaks Kopf immer wieder die Frage umher, ob es nicht besser wäre den Bronzehuf kaltzustellen, bevor es zur offenen Auseinandersetzung im Gorkampf käme. Nicht, dass ein solches Unterfangen einfach zu bewerkstelligen wäre. Schließlich schützte der Kodex der Herdenversammlung jeden Anwesenden vor gewaltsamen Auseinandersetzungen außerhalb der Riten, so lange sie an jenem den Dunklen Mächten geweihten Ort wären. Selbst die Androhung von Gewalt resultierte in der Regel darin, dass die Streitenden des Versammlungsplatzes verwiesen und ihre Namen vom Herdenstein getilgt wurden. Die Streitigkeiten dürften dann abseits des Herdenlagers aus der Welt geschafft werden und die Überlebenden könnten sich daraufhin wieder der Versammlung anschließen. Auf eine solche Konfrontation hatte Gurlak es selbstverständlich nicht abgesehen und selbst wenn, wüsste er nicht ob er daraus einen eindeutigen Vorteil für sich ziehen könnte. Der Gorkampf fände wie immer ohne Waffen statt. Körperkraft, Konstitution, Widerstandsfähigkeit und der größere Dickschädel würden die Kämpfe entscheiden. Keine schnellen Klingen, magische Waffen, Rüstungen, Talismane oder irgendwelcher Hokuspokus. So sehr er auch nachgrübelte, Gurlak kam zu keinem zufriedenstellenden Schluss. Die Zeit, welche bis vor kurzem noch voranschlich wie eine Schnecke, schien ihm mit einem Mal im Nu zu verfliegen.

      Unbestimmte Zeit später brütete der Caprigor mit den gewaltigen Hörnern noch immer über seinem Problem. Er versuchte seinen Opponenten zu verstehen, musste aber eingestehen, dass er es nicht mit einem einfach gestrickten Gegner zu tun hatte. Wie weit würde er mit einer Provokation gehen müssen, um Ghorhok explodieren zu lassen? Die Beherrschung, welche er kürzlich in unmittelbarer Gegenwart der Kurgan gezeigt hatte, war erschreckend und durchweg unnatürlich. Gurlak fragte sich, was der Dunkle Prinz im Kopf des Bronzehufs veranstaltete, dass er solch ein geradezu unbestialisches Verhalten an den Tag legte. Selbst wenn Ghorhok sich durch Provokation zu einer Dummheit würde hinreißen lassen, so dürfte es in keinem Fall Gurlak sein, der als Provokateur identifiziert werden würde. Er bräuchte jemanden, den er vorschieben könnte. Nur fiel ihm beim besten Willen kein Häuptling ein, der diesen Part an seiner Stelle übernehmen und Ghorhok aus dem Spiel nehmen könnte.

      Shargah stand nur unweit von Gurlak entfernt, außerhalb von dessen Sichtbereich und hatte jeden seiner Gedanken mitgelesen. Er glaubte genug in Erfahrung gebracht zu haben und fand, es war an der Zeit seine Erkenntnisse mit Merrhok zu teilen. Denn es geschah nicht alle Tage, dass eine solche Dynamik der Umstände Türen öffnete und die Machtposition eines Herdenoberhauptes so deutlich ins Wanken brachte. Nun galt es, seiner Meinung nach, durch diese Tür hindurchzuschreiten und die Chance zu nutzen, welche sich bot. Die Zeit wurde zunehmend knapper. Er brauchte einen Plan.

      Unter den in Grüppchen aufgeteilten Gors taten sich bereits einige als neue Alphatiere hervor. Ihre Ambition sich an die Spitze der Herden zu setzen, sollte einige von ihnen dazu bewegen sich zum Gorkampf zu stellen. Andere würden sich den Ritualen unterziehen, welche ihnen Zugang zu den Kreisen der Leibgarde des zukünftigen Großhäuptlings gewährten. Allein dabei handelte es sich bereits um eine außerordentliche Ehre. Es wäre der erste Schritt, auf dem Weg an die Spitze der Herden. Spätestens dort würde sich zeigen, wie viel tatsächlich hinter ihrem lauten Tönen und dem großspurigen Gebaren steckte.

      Langsam aber beständig kochte die Stimmung im Lager hoch. Es würde viel gefeiert, gefressen, gesoffen und gegrölt werden. Die Behuften waren bereits dabei, sich durch ihre archaischen Riten und das Ausleben ihres primitiven Verhaltens aufzuschaukeln, bis die gesammelte, zum Bersten aufgestaute und hormonschwangere Energie sich in der Gewalt der Häuptlingskämpfe entladen sollte. Das Publikum würde währenddessen seinen Ingrimm in die Welt hinausblöken, untereinander rangeln und seine Favoriten innerhalb des Kreises anfeuern. Die Nacht rückte näher und das Tier in den anwesenden Behuften gewann zusehends die Oberhand.



      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Kapitel 113 - Die Macht des Steins


      Ghorhok war wahnsinnig vor Wut. Seine Umgebung nahm er bereits gar nicht mehr wahr. Wie im Tunnelblick konzentrierte er sich nur auf Gurlak, welcher schwitzend und keuchend, in leicht gebeugter Pose vor ihm stand. Vom Blutrausch getrieben, preschte er auf den massigen Gor los, sie prallten mit voller Wucht aufeinander und Ghorhok warf seinen Kontrahenten beinahe hinten über. Gurlak röhrte wie ein Hirsch, als der Bronzehuf sein Gleichgewicht brach. Im Bruchteil eines Momentes erblickte Ghorhok die entblößte Kehle seines Widersachers und nutzte die sich bietende Chance. Er riss sein mit scharfen Reißzähnen bewährtes Maul weit auf und biss blitzschnell tief in den mit dichtem Fell bewachsenen Hals. Ein kräftiger Ruck und Gurlak schrie auf vor Schmerzen. Blut spritzte in einer kleinen Fontäne aus der Halsschlagader des bulligen Gors. Ghorhoks Antlitz wurde augenblicklich mit heißem, rotem Blut benebelt. Gurlak fiel mit einem Arm rudernd zurück. Die andere Pranke hielt nur die klaffende Wunde am Hals. Ein irres, unergründliches Funkeln blitzte in Ghorhoks Bocks-Augen auf als er sich das Blut von den Lippen leckte. Nur langsam und undeutlich drang das Grölen der Menge an sein Ohr. Wie im Chor skandierten sie immer wieder seinen Namen, "Ghor-hok, Ghor-hok, Ghor-hok, ..." Der Bronzehuf war wie im Rausch von Gewalt- und Machtgelüsten. Dann erstarben die Rufe nach und nach. Am Ende bohrte sich nur noch eine einzelne Stimme den Weg in sein Bewusstsein. "Ghor-hok" ...

      "Ghorhok?!" Als er eine Berührung auf seiner Schulter spürte, schreckte der Bronzehuf aus seinem Tagtraum auf. Neben ihm stand ein Gor, dessen Gesicht unter einer metallenen Maske verborgen lag. Seine Stimme war ruhig und er war spürbar verunsichert darüber, ob er den Bronzehuf wohl gestört hatte. Dann hob er seinen Arm ein wenig mehr und bot Ghorhok erneut das Stück Fleisch an, welches er schon die ganze Zeit in der ausgestreckten Hand hielt. Sein Herr sollte sich damit für den bevorstehenden Kampf stärken. Der große, blutige Brocken schien in Ghorhoks Augen eines der besten Stücke zu sein, was im Moment aufzutreiben war. Seine Nüstern weiteten sich reflexartig, als er den Geruch dieser Köstlichkeit wahrnahm. Dann blickte er wieder den Gor an und versuchte den Blick hinter den Sichtschlitzen der Maske zu ergründen. Ghorhok griff zu und nahm das Geschenk an. Er zögerte einen kurzen Moment, wertete die Geste des Kriegers aber dann als Ehrerbietung und Anerkennung seines Standes und nickte dem Krieger zu, welcher sich sogleich zurückzog. Er schaute dem Gor nach und im gleichen Moment wurde ihm bewusst, dass der soeben im Traum durchlebte und heißersehnte Kampf keinesfalls geschlagen war, sondern noch immer in ungewisser Zukunft vor ihm lag.

      Mit seiner Träumerei hatte der Bronzehuf der Zeit wieder einmal vorgegriffen. Dies war nicht die erste einer Reihe von Gewaltfantasien, in denen er Gurlak die Macht über die Herden entriss und endlich seinen Platz an der Spitze der Hierarchie einnahm. Seitdem sie dem vor dunkler Energie nur so strotzenden Herdenstein derartig nahe waren, hatten die Bilder der Tagträume eine erschreckende Plastizität angenommen. Wie er so gedankenverloren auf den mächtigen, in den Himmel aufragenden Monolithen starrte wurde ihm klar, dass mehr an diesem Stein war als auf den ersten und vielleicht sogar auf den zweiten Blick auszumachen war. Der Platz um den Herdenstein war eine solide Felsebene, welche von einem Ring kleinerer Monolithen eingekreist wurde. Der Abstand zwischen den ringförmig angeordneten Steinen betrug jeweils etwa sieben Fuß, vielleicht etwas mehr. Dieser Kreis würde die natürliche Grenze zwischen dem Publikum und den im Inneren des Ringes kämpfenden Häuptlingen bilden. Hier würde es schließlich geschehen.

      Es dauerte noch einige Momente, bis Ghorhok sich der Faszination des Herdensteins entziehen und seinen Blick abwenden konnte. Als er das saftige, durchwachsenen Filetstück in seiner Pranke betrachtete, spürte er bohrende Blicke auf sich ruhen. Als er sich schließlich umsah erkannte er, dass drei der vier anwesenden Minotauren von unterschiedlichen Positionen der Versammlungsstätte aus zu ihm hin stierten. Dabei rührten sich die Kolosse nicht einmal um eine Fingerbreite. Keiner von ihnen gab auch nur einen Ton oder eine Geste von sich. Diese riesigen, emotionsarmen Wächter hatten etwas zutiefst beunruhigendes an sich. Dabei wirkten sie, als wären sie Felsen in einer Brandung. Ghorhok fragte sich unweigerlich, ob sie in der Lage waren seine Gedanken zu lesen. Dass sie ihn so intensiv beobachteten, könnte wohl kaum ein Zufall sein. Als die Blicke der riesigen Stierköpfe den Bronzehuf endgültig zermürbt hatten, biss er genüsslich in seinen Fleischbrocken und bewegte sich vom Steinkreis hinfort. Er würde sich ablenken müssen bis es soweit wäre und der Kampf beginnen sollte. Die marternden Blicke der Minotauren hatten ihn völlig aus der Fassung gebracht. Es schien, als ob Ausnahmesituationen wie diese, an niemandem spurlos vorbei gehen würden. Ghorhok atmete tief durch, kaute mit Nachdruck das feste Fleisch in seiner Backentasche und gedachte sich nun den feiernden Gors anzuschließen, um die Zeit bis zur großen Entscheidung schneller vergehen zu lassen.




      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche



    • (Bratak)



      Kapitel 114 - In die Schatten


      Es war früh am Morgen. Die Vögel waren in den Bäumen zu hören und auf dem moosigen Waldboden verendete ein kräftiger Rehbock, nachdem er von mehreren Pfeilen getroffen zusammengebrochen war. Merrhok war in den frühen Morgenstunden, kurz vor Sonnenaufgang, von den Bergen herabgestiegen und hatte sich mit einigen seiner Späher auf die Jagd nach frischem Fleisch gemacht. Sie hätten noch viel zu tun, bis sie zurückkehren könnten. Die große Zahl an Behuften musste versorgt werden, damit sie nicht in die Verlegenheit kämen sich gegenseitig auffressen zu wollen. Besonders die Bestien, niedere Behufte und die Ungors in den Äußeren Bereichen und ganz besonders außerhalb der Versammlungsstätte wären sonst in stetiger Gefahr den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben. Die Herden müssten fressen. Das war eine unbestreitbare Tatsache. Und so waren viele Späher Gruppen in allen Richtungen unterwegs, um für den stetigen Fluss an Vorräten zu sorgen, bis die Frage der Rangfolge entschieden und die Pläne für bevorstehende Raubzüge kommuniziert worden wären.

      Merrhok hatte letzte Nacht kaum etwas getrunken. So war er nun zwar klar im Kopf, die Nacht war aber dennoch äußerst kurz gewesen. Ihm war aber so oder so nicht danach gewesen, sich besinnungslos zu saufen. Zum einen wusste er, dass er wichtige Aufgaben zu erledigen hatte und zum anderen gaben Shargahs Worte ihm nachhaltig zu denken. Wenn Gurlak wirklich voll und ganz auf den Bronzehuf – als die unmittelbare Gefahr – fixiert war, mochte die Möglichkeit bestehen, dass die Beiden sich gänzlich aneinander aufreiben würden. In diesem Fall müsste er selbst nur abwarten, bis sie geschwächt genug wären, sodass er die Früchte ihrer beider Arbeit ernten könnte. Es war nur wichtig, dass er lange genug in den Schatten bliebe. So lange, bis es für die beiden Streithammel zu spät sei, ihn noch aufzuhalten.

      Nachts zuvor schritten Shargah und Bratak zusammen durch das Lager, von einem Feuer zum nächsten. Um jede dieser Licht und Wärme spendenden Herdstellen hatten sich unzählige blökende und meckernde Behufte geschart. Die Meisten blieben, wie es üblich war, unter ihresgleichen. Auch wenn die beiden Schamanen sie nicht zählen konnten, so mochte sich die Zahl der versammelten Krieger, seit ihrem Eintreffen, doch in etwa verdoppelt haben. Dafür, dass es in den lokalen Wäldern vor allem Monster und Ungors geben sollte, waren auch die Reihen der Gors wieder auf ansehnliche Zahl angewachsen. Sie saßen und standen in großen Gruppen beieinander, bemalten ihre Hörner oder Hufe, tanzten, sangen, soffen gierig und schlangen Teils rohes oder gebratenes Fleisch herunter. Sie waren in ihrem Element und schworen sich auf Raub, Mord und Gemetzel ein. Noch ein paar Tage, ein paar weitere Stämme und Kriegsbanden, dann könnte man die zusammengeführten Herden in ihrer Masse wieder eine ernstzunehmende Streitmacht nennen. Eine wahre Kriegsherde, würdig von einem Großhäuptling geführt zu werden, bereit das Land mit Raub und Mord zu überziehen.

      Was Bratak darüber dachte, wusste er gut vor Shargah zu verbergen. Im Gegensatz zu normal sterblichen Gors konnte er sich mentaler Eindringlinge durchaus erwehren. Er war dem alten Bock auch nicht böse darüber, dass er es versuchte. Immerhin tat jeder von ihnen das, was er für das Richtige hielt, beschützte seinen erwählten Häuptling und die Herde, welche ihm folgen würde. Darin gab es nichts Verachtenswertes. Vielmehr hatten sie einen gegenseitigen, gesunden Respekt vor- und füreinander. Anders wäre es ihnen auch nicht möglich die bevorstehenden Rituale abzuhalten und gemeinsam auf die Reise zu gehen, welche sie in Kontakt mit den Dunklen Mächten bringen sollten. Die Vorbereitungen dafür waren abgeschlossen. Sie hatten alle notwendigen Utensilien beisammen und warteten nur noch auf den rechten Augenblick.

      Die Gors waren so sehr in ihre Riten und das Feiern vertieft, dass sie den langsam vorbeischreitenden Schamanen keinerlei Beachtung schenkten. Nur einer sah aus dem Feuerschein auf, in die - im Schatten ihrer weiten Roben verborgenen – Gesichter. Für einen Moment verging die Zeit langsamer, der Lärm um ihn herum erstarb beinahe und war kaum noch zu vernehmen. Brak blickte tief in Shargahs schwarze Augen und ein Flüstern mahnte in, sich den beiden Sehern anzuschließen. Augenblicke später brach der Lärm wieder über ihn herein, als wäre nichts geschehen. Die anderen Gors waren noch immer vertieft in ihre unterschiedlichen Tätigkeiten und keiner von ihnen machte den Anschein, als habe er irgendetwas von dem mitbekommen, was Brak gerade wahrgenommen hatte. Der junge Gor schaute sich kurz im Kreise der Krieger seines Stammes um, dann erhob er sich wortlos und trat aus dem Schein des Feuers heraus, um Shargah in die Schatten zu folgen.




      (Shargah)

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Also dass niemand Shargah bemerkt hat, ist ja nachvollziehbar, aber Bratak ist doch nicht zu übersehen! :D

      Das also sind diese Tage, an denen man zuhause sitzt, Bier direkt aus der kaputten Kaffeemaschine trinkt und wartet, dass es regnet, damit man endlich raus kann. - Horst Evers
    • Marghor schrieb:

      Also dass niemand Shargah bemerkt hat, ist ja nachvollziehbar, aber Bratak ist doch nicht zu übersehen!
      Ich weiß dass das heute nur noch schwer nachvollziehbar ist, aber in den 90ern ist man eben tatsächlich so rumgelaufen. :D

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Kapitel 115 - Rückkehr


      Merrhok und einige der Ungors machten sich bereits auf den Rückweg, um die Beute ihrer Jagd abzuliefern, als eine kleine Gruppe Behufter ihren Weg kreuzte. Sie waren, wie sich herausstellen sollte, vom Signalfeuer angelockt worden, konnten aber den Weg zum Versammlungsort nicht finden. Erst bei genauerer Betrachtung der einzelnen Mitglieder dieser kleinen Bande erkannte Merrhok einen von ihnen. Sein Name war Turgok und in besseren Zeiten hatte er das Banner des Großhäuptlings Gurlak in die Schlacht geführt. Eine Zeit und ein Umstand, die mittlerweile so weit entfernt schienen, dass es schwer fallen und gar schmerzlich sein mochte, sie sich wieder ins Gedächtnis zu rufen. Auch bei Turgok stellte sich so etwas wie verwundertes Wiedererkennen ein. Während seine Augen fest auf Merrhok gerichtet waren, wanderte seine Pranke wie im Reflex zu einem Bündel, welches er um den Leib geschnürt bei sich führte. Erst als sie sich auf den Weg in die Berge befanden, wo Merrhok ihnen den Weg wies, kam dem jungen Kopfjäger in den Sinn, dass es sich dabei um das Banner handeln musste, welches Turgok wohl aus Ehrfurcht und einem Rest von Treue noch immer bei sich trug. Langsam aber sicher sank ein Gedanke in Merrhoks Bewusstsein ein, den er vorher kaum in Betracht zu ziehen gewagt hatte. Turgok Rußschnauze mochte nicht der einzige alte Bekannte bleiben, den sie hier - unter dem Herdenstein - wiedertreffen mochten.

      Als sie den Aufstieg bewältigt und das Lager der Herden betreten hatten, überkam Turgok ein Gefühl der Beklemmung. Als er seinen vormaligen Großhäuptling am Leben und bei bester Gesundheit fand, suchte er nach Rechtfertigungen und Erklärungen vor sich selbst, warum er seinen Herrn aufgegeben hatte, ohne absolute Gewissheit darüber zu haben, dass dieser tot gewesen sei. Zu seinem Bedauern konnte er keine solche Begründung finden. Er sah keine Möglichkeit für Vergebung oder Verständnis und so blieb ihm nur eine letzte Sache zu tun. Er trat vor Gurlak, senkte seinen gehörnten Schädel und überreichte ihm das lederne Bündel, welches er gehütet hatte wie seinen Augapfel. Es war das Banner seines Herrn, gemacht aus den Häuten seiner Vorgänger, geschmückt mit Runen und Zeichen der Macht. Gurlak sah ihn wortlos an, nahm das lederne Bündel an sich und begab sich ohne weiteres zu seiner Lagerstelle, wo er das Banner verwahren würde. Es sollte in seinem Besitz bleiben, bis er eines Tages selbst in das Reich seiner Väter einziehen würde. Es wäre dann an seinem Stamm, die Haut seiner sterblichen Überreste dem Banner hinzuzufügen und einen neuen Häuptling zu krönen. Die unerwartete Rückkehr dieses Zeugnisses der Vergänglichkeit brachte ihm diesen Teil seines Schicksals wieder ins Bewusstsein. Andererseits war mit der Rückkehr des Banners auch ein Teil seiner Ehre wieder hergestellt. Viele der Krieger hatten gesehen, wie Turgok das unheilige Erbstück zurückgegeben hatte. Wenige von ihnen mochten unmittelbar verstanden haben was es bedeutete, aber dieser wissende Teil der durch und durch hierarchischen Herden würde unzweifelhaft sicherstellen, dass der Rest der Anwesenden sich schon bald im Klaren darüber wäre, was die Geste – derer sie alle Zeuge gewesen waren – für Gurlak und auch sie selbst bedeutete.

      Ghorhok sah auf die erneute Geste der Unterwerfung Turgoks gegenüber Gurlak mit Abscheu herab. Allein wenn er an die Gewaltlosigkeit seiner jüngsten Entscheidungen dachte, kochte er innerlich. Langsam und bedrohlich legte sich ein Schatten auf den knurrenden und Zähne fletschenden Gor. Daraufhin erstarb die Drohgebärde des Bronzehufs und er wandte sich langsam nach hinten, um zu sehen was sich da in seinem Rücken aufgebaut und ihm das wärmende Licht der roten Morgensonne entzogen hatte. Der eiskalte und durchdringende Blick den Minotaurus war lähmend und furchteinflößend zugleich. Ghorhok rang innerlich mit sich. Er hatte nicht übel Lust seiner Wut freien Lauf zu lassen, den stierköpfigen Hünen anzuspringen, ihn niederzustechen und dann auch noch Turgok und Gurlak auf dem Altar der Götter zu opfern. Aber er wusste, dass dies Unsinn war und ihm seinem langersehnten Ziel nur entfernen würde. So zwang er sich erneut zur Ruhe, während er dem Blick des Bullen trotzte.

      "Blutopfer… ", ging es Shargah durch den Kopf, als hätte er das Wort nebenbei aufgeschnappt. Wäre das eine Lösung? Nachdem die anfängliche Euphorie über die Initiation der Versammlung verflogen war, machte sich der alte Schamane Sorgen, ob das Kontakt-Ritual allein durch die Kraft des Steins vielleicht doch nicht zu bewerkstelligen wäre. Der grüne Mond gedachte noch immer nicht sie zu unterstützen. Er entfernte sich langsam aber unerbittlich von der Erde und nahm mit sich den segensreichen und verheißungsvollen Einfluss, welchen man hier unten so dringlich ersehnte. Was den Ritus der Anrufung anging, würden sie also wohl kaum auf ihn zählen können. Deshalb gedachte Shargah die notwendige dunkle Energie aus etwas anderem zu ziehen. Ein weiterer, erprobter Weg die Aufmerksamkeit auf die Kinder der Verderbten und auf den Ort ihrer Versammlung zu lenken. Ein Blutopfer von entsprechenden Ausmaßen sollte ebenfalls genügen, um den Ritus erfolgreich einzuleiten.




      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Die Charaktere werden immer tiefer, die Handlung umfangreicher, irgendwie dreidimensionaler. Sehr, sehr cool! Weiter so! :thumbup:

      Das also sind diese Tage, an denen man zuhause sitzt, Bier direkt aus der kaputten Kaffeemaschine trinkt und wartet, dass es regnet, damit man endlich raus kann. - Horst Evers
    • Kapitel 116 - Opfer


      Shargah tat sich nicht allzu schwer damit eine Entscheidung zu treffen, wen er entsenden sollte, um Opfer für die Blutrituale zu beschaffen. Ghorhok zu schicken, würde den Druck aus der Zwistigkeit zwischen ihm und Gurlak nehmen. Das wollte der Alte auf keinen Fall. Zudem lief er Gefahr keines der Blutopfer lebendig zu Gesicht zu bekommen, falls der Bronzehuf sie bereits vorher im Rausch abschlachten sollte. Mit einer solchen Konsequenz musste man bei einem getriebenen Geist wie ihm durchaus rechnen. Wenn er hingegen Merrhok senden würde, wäre dieser auf jeden Fall außerhalb des Aufmerksamkeitsbereiches von Gurlak und den anderen Konkurrenten um die Führung. Zudem wüsste der Alte die delikate Aufgabe der Opferbeschaffung in vertrauenswürdigeren Händen, als jenen eines notorischen Schlächters. Dass Merrhoks Augen währenddessen blind für die Vorgänge und Veränderungen innerhalb des Lagers wären, war ein Preis den Shargah gern und ohne Zögern zu zahlen bereit war. Er selbst würde mit offenen Ohren und scharfen Sinnen den Überblick behalten und seinen Häuptling bei dessen Rückkehr ins Bild setzen.

      Was die Art der Opfer anginge, so sollten Menschen aus der südlich gelegenen Siedlung den Zweck hervorragend erfüllen. Nach dem kürzlich beendeten Raubzug wäre die lokale Verteidigung zwar sicher noch immer bereit und wachsam, aber er traute Merrhok Kopfjäger durchaus zu einer solchen Situation Herr zu werden und zu beschaffen, was die Herde benötigen würde. Shargahs Entscheidung stand also fest und er machte sich daran, seinem Häuptling Instruktionen zu geben, welche Art von Opfern und wie viele von ihnen sie benötigen würden.

      Bereits wenig später lag Merrhok wieder bäuchlings auf einem Felsvorsprung und spähte hinab ins Tal. Zahlreiche Ameisen wanderten über den moosbedeckten Stein und einige von ihnen gesellten sich zu dem Ungeziefer, welches mehr oder minder permanent im Pelz des Gors lebte. Im Moment war es schwer zu sagen, ob er mehr Kletten oder Zecken mit sich herumtrug. Letztere verfärbten sich in diesen Tagen immer öfter und fielen leblos von ihm ab, wenn sie sich im Bereich seines Halses oder seiner Brust festgebissen hatten. Der junge Häuptling hatte davon bisher gar keine Notiz genommen. Aber als er sich nun erhob und eine deutliche Anzahl vollgesaugter, toter Parasiten an der Stelle liegen blieben, wo er eben noch gelegen hatte, war seine Neugier geweckt. Er riskierte einen genaueren Blick, betastete dann seine Brust und seinen Halsbereich, woraufhin zwei weitere Zecken aus seinem verfilzten Haar purzelten. Ihm war klar, dass es sich um eine Art Nebenwirkung der Mutation handeln musste, welche ihm vor einiger Zeit das Leben gerettet hatte, aber für gründlichere Überlegungen blieben hier und jetzt keine Zeit. Zwei seiner Ungor Späher pirschten sich bereits an ihren Anführer heran, wie um zu verdeutlichen, dass sie auf seine Befehle warteten und so wandte er sich ihnen zu und gab ihnen mit Blicken und Fingerzeigen Instruktionen, wo sie in den unter ihnen liegenden Wald einsickern sollten. Sie waren jetzt auf Menschenjagd.





      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Kapitel 117 - Opfer II


      Sie waren in einer kleineren Gruppe unterwegs. Zehn Gors, an die zwanzig Ungors und ein Häuptling, um sie zu führen. Die Schädelsammler Ungor unter den Spähern verstanden sich blind mit Merrhok und jene, welche sich ihnen neu angeschlossen hatten, mussten schnell lernen, um gut zu funktionieren und innerhalb der Gruppe anerkannt zu werden. Und darum ging es schließlich in einer Herde, sich über die Anderen zu definieren, anerkannt zu werden und den Schutz der Gruppe zu genießen, um sich seiner Feinde zu erwehren. Der Anführer einer solchen Herde musste selbstverständlich immer ein strenges und kontrollierendes Auge auf die Neuen haben. Es würde seine Zeit brauchen, bis er sie einschätzen konnte und sie sich in der Gruppe und der Hierarchie eingefunden hatten. Bei den Ungors war das ein Leichtes. Sie würden immer in der Kaste unter ihm bleiben und gewisse natürliche Grenzen nie zu überschreiten versuchen. Bei den Gors war es jedoch eine andere Geschichte. Unter ihnen würden sich immer solche finden, die gern das hätten was Andere, Mächtigere unter ihnen besaßen. Sie würden nicht ruhen bis entweder ihre Anführer oder sie selbst im Staub enden würden. Und dabei würden sie im Zweifelsfall auch den Artgenossen ihres eigenen Ranges in den Rücken fallen, wenn es ihnen zum Vorteil gereichen sollte. Rangkämpfe waren ein beständiger Teil im Leben eines Gors und je höher er in der Herde aufstieg, desto dünner wurde die Luft, welche ihm noch zum Atmen blieb.

      Die zehn Gors, welche Merrhok auf dieser Mission folgten, schienen keine allzu großen Anstalten zu machen sich in der Hierarchie nach oben arbeiten zu wollen. Zumindest im Moment nicht. Damit konnte er arbeiten und das war das Wichtigste.

      Menschen gefangen zu nehmen und sie nicht zerreißen oder verspeisen zu wollen, würde zu einer neuerlichen Probe für Merrhoks Selbstbeherrschung werden, darüber machte er sich keine Illusionen. Im Kampf gegen die Nordmänner hatte er seinen Drang ihr Fleisch und Blut zu kosten damit unterdrückt, dass er sie nur umso wilder bekämpfte. Seine Wut darüber, sie nicht vertilgen zu dürfen wie seine Artgenossen es taten, wandelte sich unmittelbar in exzessive, rohe Gewaltanwendung um. Er betäubte das Verlangen in seinem Inneren also mit einer anderen Art Rausch. Diesmal jedoch, würde er nicht so einfach davonkommen. Er sollte die Menschen fassen und lebendig zu den Schamanen bringen. Allein beim Gedanken an den Geruch von Menschen fühlte sich Merrhok wie elektrisiert. Mit einem tiefen Schnaufen streifte er den Gedanken ab und widmete sich der willkommenen Ablenkung, welche in seiner unmittelbaren Aufgabe läge: Die Menschen aufzustöbern und in einer günstigen Situation zu stellen, ohne dabei die Aufmerksamkeit der gesamten Verteidigungsstreitkräfte der Umgebung auf sich zu ziehen. Für den Anfang schien dies knifflig genug.

      In der Zwischenzeit war die latente Spannung im Lager noch immer nahe ihrem unmittelbaren Hochpunkt. Nun wo Shargah seinen Häuptling in sicherer Entfernung wusste, könnte er ein paar Fäden ziehen und die Ordnung innerhalb der Obersten der Herden etwas ins Wanken bringen. Wer auch immer in den Verdacht geraten könnte seine Finger dabei im Spiel zu haben, Merrhok wäre weit entfernt. Selbst wenn Schamanen wie Bratak sich den geistigen Kräften des Alten entziehen könnten, so würden die Häuptlinge doch durchaus keine unbezwingbare Beute abgeben. Ganz besonders dann, wenn es darum ginge sie Dinge tun zu lassen, welche eigentlich ganz und gar nicht gegen ihren Willen wären und er ihnen nur den letzten Anstoß zu geben gedachte, um ein zum Bersten volles Fass endgültig zum Überlaufen zu bringen. Beim Gedanken an seinen Plan zeichnete sich ein breites, wenngleich verzerrtes Grinsen auf dem Gesicht des alten Gor Schamanen ab.




      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Kapitel 118 - Das Fass ist voll


      Am inneren Kreis - und damit dem steil aufragenden Herdenstein am Nächsten - waren die Lagerstätten dicht gepackt mit den mächtigsten Kriegern der anwesenden Stämme. Über all dem Gestank von ungewaschenen, feuchten Tieren, kaltem Schweiß, Exkrementen, Rauch, Bratenfett und schalem Bier lag der Moschusgeruch, der ambitioniertesten und streitlustigsten Böcke. Das zur Schau tragen von Statussymbolen, Trophäen und anderen Zeichen der eigenen Macht war in diesen Kreisen das Alpha und Omega, um nicht automatisch in der Hackordnung nach unten zu fallen.

      Ghorhok erhob sich von seinem Lagerplatz und schickte sich an, einen Rundgang über das Gelände in Angriff zu nehmen. Sehen und gesehen werden, diese Devise galt in beinahe jeder Welt, wenngleich der Bronzehuf nicht die Worte gefunden hätte es so zu formulieren. Die Ungors seines Gefolges waren gerade damit fertig geworden seine Hörner zu polieren und die aufwendige und für Tiermenschen durchaus kunstvolle Bemalung endlich abzuschließen. Sie sollte Form und Größe des Prachtwuchses hervorheben und die Arbeit der niederen Behuften tat genau das. Der massige, hochgewachsene Gor besaß schöne, durchaus wohlgeformte Hörner und er hatte jeden Grund stolz auf sie zu sein. Voller Inbrunst schritt er zwischen den dichtumringten Lagerstellen hindurch, vorbei an den aufgepflanzten Bannern der stündlich in ihrer Zahl wachsenden Herden-Regimenter. Als er sich Gurlaks Lagerplatz näherte, stellten sich seine Nackenhaare auf. Sein bis eben noch unangefochtenes Überlegenheitsgefühl begann zu bröckeln und was ihn dabei am meisten ärgerte war, dass er nicht einmal genau sagen konnte warum. Ein durch und durch unwohles Gefühl beschlich ihn. Er tat nur wenige Schritte und schon hatte er Augenkontakt mit dem ehemaligen Großhäuptling aufgebaut. Der breitschultrige Alpha-Gor mit den unübertroffen gewaltigen Hörnern saß inmitten einiger seiner Krieger und stützte sich lässig mit dem Ellenbogen auf einem seiner Knie ab, während er an einem Streifen Trockenfleisch kauend einem Gespräch der Gors vor sich lauschte und zustimmend nickte. Sein Blick heftete sich unmittelbar auf den heranschreitenden Rivalen. Dabei kaute er unablässig auf dem ledrig zähen Stücken Fleisches herum. Ghorhok nahm sich ganz bewusst vor ihm nicht mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen als unbedingt nötig. Seine Beine ermahnten ihn unterdessen in Bewegung zu bleiben, um dieser zunehmend unangenehmer werdenden Situation schnellstmöglich zu entkommen. Er wendete den Blick also wieder ab und versuchte einen sicheren Schritt beizubehalten, wobei ihm klar wurde, dass er wohl noch nie zuvor über die Sicherheit seines Schrittes nachgedacht haben mochte und ihm die Bewegung jetzt, bei so intensiver Aufmerksamkeit und dem Gefühl von Allem und Jedem bis ins Detail beobachtet zu werden, seltsam unnatürlich vorkam. Der Caprigor fühlte sich plötzlich in die Tage seiner Jugend zurückversetzt, in denen er noch keinerlei Stand hatte und mit den üblichen Unsicherheiten zu kämpfen hatte, welche einen Jung-Gor plagten, der seinen Platz in der Welt und innerhalb der Hackordnung der Herde noch nicht gefunden hatte. Für dieses Gefühl der Unzulänglichkeit hasste er Gurlak nur noch mehr. Seine Nüstern verzogen sich unter der Anspannung seines Bestien-Gesichtes und er bemühte sich den Blick auf den Weg vor sich zu heften. Dann vernahm er unerwartet Gurlaks Stimme, seine Bewegung kam ins Straucheln und erstarb schließlich, als er ihn sagen hörte, "Ganz gleich wie sehr du deine Hörner bemalen und polieren lässt, sie werden doch immer klein und bröckelig bleiben. Es grenzt geradezu an ein Wunder, dass Du nicht schon vor vielen Jahren unter die Ungor gezählt wurdest."

      Nach diesen Worten herrschte für die Dauer einiger, nicht enden wollender Momente absolute Stille im Lager. Selbst Gurlak konnte kaum glauben, dass er so etwas von sich gegeben hatte und fragte sich tatsächlich für einen Moment, wer da die Stimme erhoben haben mochte. Fatalerweise schien er auch noch laut genug gesprochen zu haben, dass selbst der letzte Ungor verstanden hatte was der Bronzehuf da gerade über sich ergehen lassen musste. Die in Verwunderung und Entsetzen weit aufgerissenen Augen der Menge blieben wie gebannt auf Gurlak geheftet, bis einige anfingen eine Reaktion Ghorhoks erheischen zu wollen, der noch immer rührungslos und wie zur Salzsäule erstarrt dastand. Der perplexe Bronzehuf schien wie vom Blitz getroffen. Ein seltsames Gefühl des Ertappt-worden-seins mischte sich mit der Erkenntnis, dass Gurlak ihn gerade bewusst und zutiefst beleidigt hatte. Als er sein Ego endlich davon überzeugt hatte, dass sein verhasster Rivale soeben gelogen hatte und er seine Ehre wieder herstellen müsse, begann er schließlich innerlich zu kochen. Unter dem dunklen Fell seines Bocksgesichtes war er im Handumdrehen tiefrot angelaufen. Kleine Schaumblasen bildeten sich in den Winkeln seines Mauls und eines seiner Augenlider begann unkontrolliert zu zucken. Dann wendete er sich Gurlak zu, der plötzlich unerklärliche Mühe hatte die Reste des Trockenfleisches herunterzuwürgen, welche sich in seiner Backentasche angesammelt zu haben schienen. Während er noch immer nach einer Erklärung dafür suchte, wieso er gesagt hatte, was ihm da allem Anschein nach gerade eben entfahren war, wünschte er sich sehnlichst einen Schluck Wasser herbei, um den schalen Geschmack in seinem Maul herunter zu spülen.




      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Leider unterstützt die Foren-Software keine Mehrfach-Likes. Sonst gäbe es mindestens noch eins für das Kapitel und eins für das Bild! Ich hoffe, das ist nicht das letzte Kapitel im September, wo du jetzt die Herausforderung geschafft hast!? (War nicht am Anfang noch die Rede von 7000 bemalten Bestigor und 3,5 Millionen Gor oder so?)

      Das also sind diese Tage, an denen man zuhause sitzt, Bier direkt aus der kaputten Kaffeemaschine trinkt und wartet, dass es regnet, damit man endlich raus kann. - Horst Evers
    • Kapitel 119 - Kopfzerbrechen


      Turgok hielt sich die lädierte Schnauze. Das Adrenalin betäubte zwar seine Schmerzen aber er spürte wie warmes Blut in seinen Rachen und die Kehle hinunter rann. Er schluckte es herunter, genau wie die Erniedrigung, gerade eben vor Aller Augen zu Boden gegangen zu sein. Der Treffer auf das Nasenbein hatte ihm Tränen in die Augen schießen lassen, welche nun seine Sicht behinderten. Er kniff mehrmals schnell hintereinander die Lider zusammen, um wieder klar sehen zu können. Obwohl er sich erst seit kurzer Zeit hier im Herdenlager befand, war er bereits mitten in eine gewaltsame Auseinandersetzung geraten, aber es tat ihm ganz und gar nicht leid. Vielmehr redete er sich ein, keinen Moment lang zu bereuen, dass er sich Ghorhok entgegengestellt hatte, als dieser wie der Blitz auf Gurlak losgeschossen war. Einen Hieb für seinen alten Anführer einzustecken – so sagte er sich – habe ihm noch nie wirkliche Probleme bereitet und in diesem ganz speziellen Moment hatte er es sogar als Chance gesehen. Er glaubte Gurlak so zeigen zu können, wo er stand und dass er ihm noch immer bereitwillig und bedingungslos treu ergeben war.

      Während Turgok sich noch aufrappelte, war Ghorhok bereits über ihn hinweg gestiegen und schickte sich an nun auf Gurlak loszugehen. Dem Huf-Tritt des ehemaligen Großhäuptlings wich der Bronzehuf, trotz der unheimlichen Kraft und Geschwindigkeit der Attacke, mit nur geringer Mühe aus. Ein weiteres Mal würde er sich schließlich nicht auf diese Art von Gurlak in den Staub schicken lassen. So viel hatte er aus ihrer letzten Auseinandersetzung gelernt. Ein Tritt wie dieser war genau was er als Angriffsreaktion erwartet hatte. Den unmittelbar folgenden Fauststoß hingegen hatte er nicht auf dem Plan. Zu Gurlaks Ernüchterung war er allerdings auch von dessen Wirkung nicht allzu beeindruckt. Ghorhok steckte den seitlich gegen seinen Kiefer geführten Schlag erstaunlich gut weg und warf dem Verderbten unmittelbar einen hasserfüllten Blick und dann die geballte Pranke zu. Sein eigener Faustschwinger erstarb mitten in der Bewegung, als er an Arm und Schulter von einer unheimlichen Kraft zurückgerissen wurde.

      Andernorts, im Wald südlich der verborgenen Versammlungsstätte, fluchte Merrhok innerlich darüber, dass Morrslieb seiner Herde die Unterstützung versagte und ihn somit auf diese Expedition geschickt hatte. Wären sie ein paar Tage eher am Herdenstein gewesen, hätte unter Umständen das Blut eines einzelnen Ungors oder ein Schnitt in die Handfläche eines der Schamanen bereits ausgereicht, um die Riten zu vollziehen, welche den Blick der Götter auf die Herde lenken und den Geistwanderern Kontakt zu den Wesen des Warp ermöglichen sollten. Aber so wie die Dinge standen würde es größerer Opfer bedürfen, um den gewünschten Effekt zu erzielen und er wusste immerhin schon wo er nach ihnen suchen würde.

      Die äußeren Ausläufer der nahegelegenen Menschensiedlung waren die erste Wahl für verhältnismäßig leichte Beute. Dies galt für Voräte genauso wie für Gefangene. Nur müssten sie sich vor Patrouillen in Acht nehmen, welche angesichts der jüngsten Verheerungen des Umlandes von Seiten der Tiermenschen noch immer in den umliegenden Wäldern aktiv sein dürften. Merrhok plante während ihres Raubzuges für genügend Ablenkung sorgen, um seine kleine Gruppe nicht in unnötige Gefahr zu bringen. Im Idealfall würden die Menschen sprichwörtlich allesamt in eine bestimmte Richtung schauen, um nicht zu merken was hinter ihren Rücken geschah. Das Ganze war nur leichter gesagt als getan. Einen entsprechenden Plan auszutüfteln, darüber würde er sich wohl noch in den kommenden Stunden den Kopf zerbrechen.




      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche