Unterm Herdenstein (eine Tiermenschen Geschichte) - Des Dramas Dritter Teil

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      Kapitel 149 - Weckruf II


      Brak, Bratak und ein paar der anderen Schamanen schauten Shargah verdutzt an. Jene die ihn kannten wussten, dass intensive Gefühlsregungen von Seiten des Alten keine alltägliche Angelegenheit waren. Zudem verstanden sie nicht was er mit seinen Worten zu sagen versuchte. Sollte sein Schützling aufgeben? Hatte er Gurlak gemeint? Bratak beäugte die beiden Häuptlinge mit akribisch suchenden Blicken, dann spähte er wieder zu Shargah, dessen Antlitz wieder in den Schatten seiner Robe verschwunden war. Inmitten des Lärms und dem Chaos der Gefühle traf Shargahs Stimme Merrhok wie ein Hammerschlag. Ganz bewusst zwang der jüngere Gor sich den Blick von Gurlak wieder fallen zu lassen. Er starrte mit aller Konzentration die er aufbringen konnte auf den Boden vor seinem Herausforderer und die Umgebung um den Punkt seines Fokus begann bereits wenige Augenblicke später wieder zu flirren, wie in der Gluthitze des Sommers. Er holte tief Luft und versuchte seinen Pulsschlag zu zügeln wie zwei wilde Tuskgor in einem Wagengespann. Sein Herzschlag verlangsamte sich für einen kurzen Moment, um gleich darauf mit erneuter Kraft weiter zu hämmern. Die Hitze verschwand aus seinem Schädel und das Dröhnen in seinen Schläfen ließ nach. Schließlich wirkte der Schweiß auf seiner Stirn und in den Haaren wie das Resultat eines kühlenden Herbstschauers und zwei rot getränkte Tropfen fielen wie in Zeitlupe von seiner Augenbraue auf die darunterliegende Wange. Die Fesseln um seinen Brustkorb waren zum Reißen gespannt. Dann besann er sich wieder tiefer – durch den Bauch – zu atmen. Während all dessen bewegte er sich mit dem Rücken in Richtung des Monolithen und als er nur noch knapp zwei Fuß davon entfernt war, spürte er die pulsierende Kraft, welche das Gestein umgab. Wie an einem kalten Herbsttag von der Hitze eines Feuers angezogen, blieb er stehen. Wenn er darüber nachgedacht hätte, wäre er nicht in der Lage gewesen zu formulieren warum. Es fühlte sich einfach richtig an.

      Gurlaks Augen verengten sich zu Schlitzen. Glaubte Merrhok wirklich, er könne ihn zu einer unüberlegten Attacke hinreißen, ganz so als ob er nichts aus ihrem letzten Kampf gelernt hätte? Unweigerlich entfuhr ihm ein einsilbiges, höhnisches Lachen. Dann blieb nur Unsicherheit darüber, was er als nächstes tun solle. Das Publikum wurde langsam ungeduldig. Sie schrien nach Blut und das zögerliche Abtasten der Beiden war ihnen ein Graus. Sie wollten mehr von der Wildheit und dem Blutvergießen, mehr Hass und unkontrollierte Wut. Die Geräuschkulisse wurde immer intensiver und Gurlak hatte das Gefühl die Meute würde immer enger um sie zusammenrücken, ganz so als ob sie jeden Moment auf sie eindringen wollten, um sie eigenhändig in blutige Fetzen zu reißen. Wie um seine Position zu verdeutlichen und der Aggression des Publikums entgegenzusetzen, ließ er einen inbrünstigen Schrei heraus, während sein Kopf sich im Halbkreis drehte. Auf einen Schlag ging das bellende Getöse von außerhalb des Ringes merklich zurück, ganz so als hätte ein wütender Vater seine tobenden Kinder zur Ordnung gerufen. Der Einzige, der von Gurlaks Machtgebaren unbeeindruckt zu bleiben schien, war sein Gegenüber. Merrhok wirkte wieder so seltsam abwesend wie schon zu Beginn dieses Kampfes.

      Gurlak wusste, dass er im Zugzwang war. Er täuschte an blitzartig vorzupreschen, hielt aber sofort wieder inne. Merrhok zuckte nicht einmal. Daraufhin begann der Ältere mit zügigen Schritten im Kreis um den Herdenstein herumzugehen. Im Gegensatz zu vorher, bewegte sich sein Gegner nun jedoch nicht mehr mit ihm mit. Es schien als wäre er zur Salzsäule erstarrt und Gurlak runzelte die Stirn in Verwunderung. Er traute Merrhok durchaus zu dies mit Absicht zu tun, nur um ihn zu einer Dummheit zu verleiten, welche er noch nicht durchschaute. Langsam wurde er darüber wütend und sein Schritt beschleunigte sich wie der eines hungrigen Raubtieres, kurz bevor es zuschlagen würde. Er lief so weit bis er glaubte das Sichtfeld seines Gegners verlassen zu haben, bemerkte dann jedoch, dass ihm dies nicht allzu viel brachte. Aus dieser Position konnte er einfach nicht in direkter Linie angreifen. Seine Wut wuchs darüber nur noch mehr und er wechselte die Richtung, um sich in Merrhoks Flanke wiederzufinden, aufs Ärgste dazu verleitet den jüngeren Gor Hals über Kopf zu attackieren. Er ließ einen erneuten, bellenden Schrei hören, wie um sich seiner selbst zu versichern. Dann nahm er Anlauf.





      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Wow! Das Bild von Gurlak finde ich großartig! :thumbup:
      Lass dich nicht dazu verleiten, alles auf einmal zu posten. Das vermisst ja die ganze Spannung!
      Freu mich schon auf das nächste Kapitel. :)

      Das also sind diese Tage, an denen man zuhause sitzt, Bier direkt aus der kaputten Kaffeemaschine trinkt und wartet, dass es regnet, damit man endlich raus kann. - Horst Evers
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      Kapitel 150 - Kopfzerbrechen


      Merrhok sah Gurlak aus dem Augenwinkel kommen, den Kopf zum Stoß gesenkt. Unverwandt schoss er ihm entgegen, ohne einen genauen Blick zu riskieren oder seine Chancen abzuwägen. Gurlak sah, dass Merrhok nun auf ihn zukam und verlangsamte sich unmerklich, irritiert darüber, warum der leichtere Gor ihm so offen und selbstbewusst entgegentrat. Dann stieß er sich mit erneuter Kraft vom Steinboden ab und die Beiden prallten mit ungebremster Kraft aufeinander. Die Menge tobte, weniger um den Einen oder Anderen anzufeuern, als mehr darüber, dass es endlich zur langersehnten, offenen Konfrontation kam. Das unbarmherzige Klacken hohler Hörner und nur unwesentlich vollerer Schädel war weit über das Getöse der Menge hinweg zu hören und wurde mit erneuten Jubelrufen beantwortet. Beide Häuptlinge blieben auf den Beinen und standen für einen Moment still, Schädel an Schädel und Horn an Horn. Dann gewann Gurlaks Masse allmählich die Oberhand und schob Merrhok langsam aber stetig vom Fleck. Wie auf ein Kommando lösten sich Beide voneinander und ließen ihre Schädel erneut zusammenrasseln. Die Stimmung innerhalb der Herden mochte auf ihrem Höhepunkt sein. Auf beider Seiten lief frisches Blut aus klaffenden Platzwunden über Stirn und Nasenbein. Gurlak und Merrhok standen unter voller Anspannung. Ihre Schädel dröhnten wie Messingglocken nach dem Hammerschlag und der Schmerz wurde betäubt vom immerwährenden Summen und den Unmengen an Adrenalin, welches durch ihre Blutbahnen schoss. Es schien als würde dies ein guter alter Kopfstoßentscheid werden, bei dem am Ende nur der größere Dickschädel triumphieren mochte.

      Die Stirnplatten der beiden Kontrahenten schmetterten ein drittes Mal aufeinander und beide verloren für eine nicht unbeträchtliche Weile die Orientierung. Wären sie nicht beide im Begriff gewesen ihr gesamtes Gewicht und all ihre Kraft gegen den Gegner zu stemmen, wäre wohl mindestens einer von ihnen vornüber mit der Nase im Dreck gelandet. Wie die Dinge jedoch standen, war keiner der Beiden zu einem Ausfallschritt oder einem anderen Manöver in der Lage. Über taktische Winkelzüge waren sie hinaus. Nun entschieden nur noch Wille und Körperkraft.

      Mit dem Willen war es jedoch nicht mehr allzu weit her. Beide wären nicht einmal mehr ansatzweise dazu in der Lage gewesen einen Gedanken darüber zu fassen was sie hier taten, warum und mit wem. Die Konfrontation lief nur noch rein mechanisch ab und beruhte auf den ureigenen Gor-gegebenen Instinkten. Beiden Häuptlingen lief entweder der Sabber aus dem Maul oder Schaumbläschen hatten sich an ihren Mundwinkeln gebildet. Die Augen waren nach oben verdreht, unfähig den Gegner oder die Umgebung genau auszumachen. Der vierte Kopfstoß hatte bereits weniger Energie und die beiden hingen nun aneinander wie zwei Trunkenbolde, die sich gegenseitig stützten, um nicht blindlinks nach vorn überzukippen. Die Meute skandierte jetzt nur noch den einen oder anderen Namen. Hier mochte es mehr nach Gurlak klingen, dort eher als wäre ein Teil der Meute für Merrhok. Es war ganz gleich. Wer auch immer als Letzter auf den Beinen sein mochte, würde die Herden unter seinem Banner vereinen, auch wenn sich die beiden derb lädierten Häuptlinge darüber mittlerweile nicht mehr im Klaren sein mochten. Dies galt als Wille der Dunklen Mächte und war Teil der Tradition ihrer Gattung. Sie selbst erfüllten nur das ihnen zugeschriebene Schicksal.

      Gurlak strauchelte beinahe, als Merrhok allein zu einem weiteren Kopfstoß ausholte, fing sich jedoch gerade noch. Ein erneutes Klacken der Hörner war zu vernehmen, wenngleich nicht mehr so laut wie zuvor. Gurlak lag nun mit dem aus Nase, Maul und zahlreichen Wunden blutenden Schädel auf Merrhoks Schulter auf. Wären seiner Hörner nicht so lang gewesen, hätte der jüngere Gor sie wohl gänzlich verfehlt. Die Beiden sackten aneinander hinunter auf die Knie, während die Menge sie noch immer anfeuerte wie Langstreckenläufer kurz vor dem allesentscheidenden Zieleinlauf. Auch Merrhoks Haut war an mehreren Stellen aufgeplatzt und blutete stark. Trotz seiner Verletzungen, hielt er seinen Kopf aber höher als Gurlak. Schließlich schickte sich der jüngere Gor dazu an wieder aufzustehen, hob das Knie und platzierte seinen Huf auf dem glitschigen Steinboden unter sich, um sich nach oben zu drücken. Gurlaks Körper gehorchte hingegen nicht mehr. Der ältere Gor sank betäubt und wie ein nasser Sack an Brust und Bauch seines Kontrahenten hinab bis zum Boden, wo er stöhnend aber reglos liegen blieb. Die Schreie der Menge waren ohrenbetäubend und für einen Moment schien alles entschieden zu sein. Merrhok stand wieder aufrecht, konnte sich aber kaum auf den Beinen halten und seine Hufe suchten eine Position für den festen Stand. Sein Schädel dröhnte erbärmlich und alles was er im Moment wahrnehmen konnte, waren pulsierende, verschwommene Schemen seiner Umgebung. Schlagartig erstarb der Jubel der Menge jedoch und Merrhok versuchte sich umzublicken, um zu verstehen was geschah. Nur langsam klarte sein Blick auf, aus fünf Umrissen wurden drei und dann sah er es. Da, links von ihm – am äußersten Rand seines Blickfeldes – konnte er gerade so wahrnehmen, wie sich eine blutrote Gestalt zu erheben begann.




      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • "und nur unwesentlich vollerer Schädel"
      :thumbsup:
      Und das Bild ist episch!

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      Kapitel 151 - Verzweifelter Kampf


      Als die Gefangenen im Inneren der Höhle bemerkten, dass da draußen etwas vorzugehen schien, das die gesamte Aufmerksamkeit der Tiermenschen – inklusive ihrer Wachen – von ihnen selbst weg zog, begannen sie sich an ihren Fesseln zu schaffen zu machen. Die Meisten von ihnen waren in alte Ketten gelegt worden, welche an den eisernen – in die Wände eingelassenen – Ringen fixiert worden waren. Als sie sicher schienen, dass niemand sie hören mochte, begannen sie damit an den Ketten zu zerren und versuchten sie an vermeintlich schwächsten Gliedern zu sprengen. Die ersten Versuche brachten nichts, außer der Sorge man möge sie vielleicht doch gehört haben und Wachen könnten jederzeit in das Innere der Höhle kommen, um sie erneut zu misshandeln.

      Die von den Strapazen der letzten Tage mitgenommenen Soldaten, sowie ihr Hauptmann, standen keineswegs in Saft und Kraft, kämpften aber dennoch unablässig und mit aller Gewalt gegen ihre rostigen Ketten. Mit dem Mut der Verzweiflung stemmten sie sich in die steinerne Wand und spannten jeden Muskel an, der ihnen noch gehorchen wollte. Nach langen Sekunden voller Anstrengung und Schmerzen, tat es schließlich einen Schlag und einer der Ringe platzte unter fliegenden Splittern aus seiner Verankerung. Erst glaubten sie einen erheblichen Forstschritt erlangt zu haben, aber der Enthusiasmus legte sich schnell wieder als sie realisierten, dass sie noch immer alle aneinander gekettet waren und lediglich einen von insgesamt sechs Ringen herausgerissen hatten, während der Rest dieser eisernen Halterungen sie noch immer im Inneren dieses dunklen Loches festhielt. Die Handgelenke derer, welche sich am Meisten ins Zeug gelegt hatten, waren bereits stark geschunden und da wo die Handschellen wieder und wieder Reibung und Druck ausgesetzt worden waren, begann sich die Haut abzulösen. Ihrer schmerzlich ersehnten Freiheit waren sie jedoch noch keinen Schritt näher gekommen.

      Vor dem Eingang der Höhle scherte sich tatsächlich kaum noch jemand darum, ob die Gefangenen zu jeder Zeit anständig bewacht würden oder nicht. Die Wächterbullen hatten sich vor Beginn des Gorkampfes am Rande des Steinkreises eingefunden und die als Wachposten verbliebenen Ungors waren mit jeder Minute, die der Kampf andauerte, ein weiteres Stück weg vom Eingang und hin zum Ort des Spektakels gerückt, in der Hoffnung nichts von jener denkwürdigen Barbarei zu verpassen. Lediglich einer der im Kreise des Rates versammelten Schamanen konnte sich in Ermangelung eines eigenen Favoriten von dem blutigen Schauspiel losreißen und schickte sich an nachzusehen, ob mit ihren ausersehenen Opfergaben auch noch alles beim Rechten wäre.

      Der betagte Kuttenträger zeigte sich besorgt angesichts der Tatsache, dass keiner mehr vor der Höhle postiert zu sein schien. Neugierig trat er näher an den Eingang heran, machte ein paar Schritte ins Dunkel und spähte tiefer in den Gang vor sich. Dabei hielt er seinen Schädelstab vor sich, ganz so als ob dieser ihn vor möglichen Bedrohungen bewahren könnte. Im Inneren war Bewegung ausmachen, er war jedoch nicht in der Lage irgendwelche Details zu erkennen. So ließ der verunsicherte Alte die ihrerseits ebenfalls verängstigten Gefangen wieder für einen Augenblick allein und ging zu einem der verlassenen Lagerfeuer, wo er sich ein Scheit heraussucht, welches ihm als Fackel dienen sollte. Ausgestattet mit einer Lichtquelle betrat er nun erneut die Höhle und tastete sich vorsichtig, Schritt für Schritt, hinein. In Inneren angekommen, konnte er in einer der hinteren Ecken dicht zusammengepfercht einen Pulk von Leibern erkennen. Der flackernde Schein des Feuers blendete ihn zuweilen mehr als dass er die Umgebung erleuchtete und so konnte er nicht gleich feststellen, ob sich die Menschen noch bewegten. Erst nachdem er selbst einen Moment bewegungslos dagestanden hatte, glaubte er ein Zittern hier und da ausmachen zu können. Die Ketten führten noch immer von dem Pulk zur Wand hin, wo sie an drei Ringen befestigt schienen. Gerade wollte der Alte sich zum Gehen wenden, da sah er, dass eine der Ketten nicht wie der Rest zu den zusammengekauerten Jammergestalten führte, sondern in die Schatten zu seiner Linken. Eben als er sich in Acht nehmen und einen Schritt zurückmachen wollte, sprang ihn etwas aus der Dunkelheit kommend an.





      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Da musste ja noch was passieren. Immer wieder Kamera draufhalten uns am Ende ist nichts gewesen, wäre ja Quatsch.

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      Kapitel 152 - Noch nicht tot


      Hartnagel zerrte mit aller Kraft an der Kette und versuchte den in schmutzige Roben gehüllten Schamanen zu packen. Die drei bisher aus ihrer Verankerung gerissenen Ringe sowie die Tatsache, dass die restlichen Gefangenen so eng zusammengerückt waren wie es ihnen nur möglich schien, hatte ihm genug Spielraum gegeben, um sich abseits der Gruppe im Dunkeln zu verbergen und den Tiermenschen im rechten Moment anzugreifen. Nun lagen Beide auf dem Boden – Hartnagel oben, der Gor unten – und kämpften um die Oberhand. Der Schamane hatte die Fackel fallen lassen und die Gruppe sah beim schwachen Schein des sich am Boden windenden Feuers, wie der Hauptmann um ihr aller Leben rang, während sie zur Untätigkeit verdammt waren. Hartnagel umklammerte die Kette mit aller ihm zur Verfügung stehenden Gewalt und presste sie so fest er nur konnte um die in modrige Tücher gehüllte Kehle des stinkenden Tiermenschen. Dieser brachte nur röchelnde Würgelaute hervor und versuchte seinen Angreifer mittels seines Stabes von sich zu drücken. Hartnagel hatte die Schwerkraft und die nackte Verzweiflung auf seiner Seite. Schließlich erschlafften die Arme und Beine des alten Schamanen und das schier endlos erscheinende Gerangel hatte ein Ende. Dann erhob sich der Hauptmann langsam, noch immer bereit es wenn nötig in einem zweiten Anlauf endgültig zu Ende zu bringen. Der Tiermensch blieb jedoch leblos liegen. Sofort begann Hartnagel ihn zu durchsuchen und fand neben einigem Plunder – wie undefinierbaren Pulvern, diversen Knochen, Vogelfüßen und anderem Tand – einen kurzen Opferdolch. Den Hauptmann durchfuhr ein Schauer bei dem Gedanken, dass der Tiermensch ihn damit hätte jeder Zeit einfach abstechen können. Er mochte großes Glück gehabt haben, dass der Alte kein geübter Kämpfer war. Aus Erfahrung wusste Hartnagel, dass man im Todeskampf oft irrational handelte und gemeinhin blind für das Naheliegende war. Allem Anschein nach traf dies nicht nur auf Menschen, sondern auch diese Ausgeburten des Chaos zu. Unbewusst machte er das Zeichen des Hammers.

      Auf ein unterdrücktes Zurufen aus dem Pulk der Gefangenen hin besann sich der Hauptmann schließlich wieder und warf ihnen den Stab des Schamanen zu, mit dem sie sofort begannen an den restlichen Ringen zu hebeln. Dabei ermahnten sich die Männer immer wieder gegenseitig zur Vorsicht, das soeben errungene Werkzeug doch nicht gleich zu ruinieren. Mit einem Schlag, getrieben von der Aussicht auf Rettung, schien plötzlich jeder der Anwesenden zum Fachmann in Sachen Ausbruch und Entfesselungskunst geworden zu sein.

      Während die Anderen sich mit den Ringen abmühten, versuchte Hartnagel herauszufinden, ob der Dolch ihm dabei helfen könne sich der Schellen um seine Handgelenke zu entledigen. Er Kratzte und hebelte vorsichtig an allen Stellen, an denen das Metall nicht zusammengeschmiedet war. Schweißperlen tropften ihm von der Stirn, während er sich in Konzentration vertieft auf die Zunge biss. Aus dem lethargischen Haufen von letzter Nacht war eine Gruppe umtriebiger Ausbrecher geworden. Dafür gab es nur eine Erklärung, Hoffnung hatte sie erfasst.

      Draußen im Ring ließ Merrhok gerade seine Hoffnung fahren, als er sah wie ein über und über mit Blut besudelter Ghorhok sich langsam aber sicher zu erheben begann. Der sichtlich mehr als nur mitgenommene Bronzehuf hatte seinen Oberkörper stark nach vorn geschoben, um das Gleichgewicht halten und besser von den Knien auf die Hufe zu kommen. Seine rechte Gesichtshälfte hing in blutigen Fetzen über der Augenbraue, auf dem breiten Nasenbein und der Wange. Bis zum Bauch und Lendenschurz war er bedeckt mit einer Mischung aus frisch hervorquellendem und langsam trocknendem Blut, welches sein Fell bis auf die Haut durchtränkt hatte und allmählich darin zu trocknen begann.

      Ghorrhoks Schädel hämmerte, als würde eine Truppe von Holzfällern in kombinierter Serie permanent auf ihn einhacken. Sein Blick war noch immer nicht ganz klar und wirkte auf Außenstehende schlicht irre.

      Merrhok war kurz davor auf die Knie zurückzusinken und den Kopf in Resignation hängen zu lassen. Er war ausgebrannt und sah sich nicht mehr dazu in der Lage, noch eine weitere Auseinandersetzung zu überstehen. Er legte seinen Brummschädel in den Nacken und atmete schwer durch das offene Maul, den Blick seitlich noch immer starr und ungläubig auf den letzten seiner Widersacher geheftet. Merrhok hatte absolut keine Vorstellung davon, was er jetzt tun sollte. Während er reglos und tief schnaufend da stand wusste er, dass ihm die Zeit davonlief. Einerseits wünschte er es wäre bereits alles vorbei aber andererseits war er nicht so weit gekommen, um nun kampflos klein beizugeben.

      In der bis eben beinahe totenstillen Menge begannen sich hier und da erneut Stimmen zu erheben, erst vereinzelt, grunzend, grölend oder blökend, dann fanden sich ganze Chöre zusammen. Ihre tierhaften und verzerrten Mäuler begannen die Namen ihrer neuerlichen Favoriten zu rufen, ihre dunklen Seelen jedoch, schrien unablässig nach mehr Blut, mehr Gewalt, nach Exzess und Ekstase. Das infernalische Spektakel war weithin, über die gesamte Hochebene hinweg, zu hören.





      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

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      Kapitel 153 - Lichter und Schatten II


      Brak wurde das Gefühl nicht los, dass die Dunklen Energien aus Richtung des Herdensteins nun förmlich an ihm zerrten und er hätte schwören können, dass Morrslieb sich der Hochebene seit Beginn des Kampfes langsam aber stetig angenähert zu haben schien wie ein neugieriger Zuschauer, der das Spektakel um nichts in der Welt verpassen wollte. Es kam ihm vor, als hinge der grünlich glühende Chaos Mond tief wie nie am Nachthimmel und sein Leuchten tauchte die versammelten und vor Blutlust tobenden Kinder des Chaos in ein gespenstisches Grün.

      In dem kränklichen Licht wirkte Ghorhok mit seinem zerfetzten Gesicht und den mechanischen Bewegungen beinahe, als wäre er soeben von den Toten auferstanden. Das Ganze hatte etwas so gespenstisches an sich, dass Merrhok das Blut in den Adern zu gefrieren drohte. Lediglich die kleinen Dampfschwaden – die der heiße Atem des Bronzehufs in der kühlen Nachtluft hinterließ – verrieten, dass der grausig zugerichtete Gor noch immer am Leben war.

      Ghorhok begann gerade sich auf seinen verbliebenen Widersacher zuzubewegen, als er plötzlich inne hielt. Merrhok schauderte, bemerkte aber ebenfalls, dass etwas nicht stimmte und schaute sich um. Die Menge hatte begonnen ein weiteres Mal zu verstummen und viele der eben noch in Rage befindlichen Behuften schauten sich neugierig um. Einige schienen sich gar vom Kampf abzuwenden. Ein Raunen ging durch die Meute und aus den hinteren Reihen drangen hektische Schreie herüber. Irgendetwas zog ihre Aufmerksamkeit weg von der Auseinandersetzung. Wenn ihm die Kontrolle über seine Gesichtsmuskulatur nicht bereits gänzlich abhandengekommen wäre, dann hätte Merrhok seine Stirn wohl in Falten gelegt. So wie es im Moment stand, konnte er aber nur ausdruckslos in die Richtung starren, aus der nun aufgebrachtes Geschrei zu vernehmen war. Was auch immer da vor sich ging, es hatte den Kampf zu einer zweitrangigen Angelegenheit gemacht. Viele der eben noch begeisterten Zuschauer strömten vom Steinkreis weg. Merrhok atmete schwer und versuchte die Stimme des Ungors zu verstehen, welcher aufgebracht herummeckerte. Von seinem schlechten Gewissen und vielleicht einem Rest Verantwortungsbewusstsein geplagt, hatte sich eine der Wachen nur Minuten zuvor zurück zur Höhle begeben, um nach dem Rechten zu sehen. In seinem angetrunkenen Zustand hatte er eine Weile gebraucht bis er – mit einer Fackel ausgestattet – die Höhle betreten hatte. Um ein Haar wäre er dabei über etwas am Boden liegendes gestolpert und er brauchte einige Momente um zu realisieren, dass das Ding zu seinen Hufen ein toter Schamane war. Mindestens genauso groß wie über diesen grausig frevlerischen Fund, war sein Schock als er feststellte, dass er mit dem Toten ganz und gar allein in der Höhle war. Die Ketten der Gefangenen lagen verwaist und gesprengt am steinernen Boden. Sogleich war er nach draußen geeilt und hatte versucht die Aufmerksamkeit seiner tobenden und betrunkenen Mitwächter zu erlangen. Als diese von dem Zwischenfall erfuhren, gaben sie augenblicklich Alarm. Zumindest versuchten sie es. Die außer Rand und Band befindliche Menge war nur äußerst schwer mit Worten aus ihrer Euphorie zu reißen. Das Ganze hatte schließlich lange genug gedauert, um Hartnagel und den restlichen Gefangenen die Flucht aus dem nur noch spärlich bewachten Lager zu ermöglichen.

      Die Gruppe war kaum auf Widerstand gestoßen. Einige Hunde und Bestien hatten in ihren hölzernen Verschlägen oder aus anderen Höhlen heraus damit begonnen Krach zu schlagen, aber im Tumult um den Gorkampf war auch dieser Lärm ungehört geblieben. Auf dem Weg von der Hochebene in die angrenzenden Wälder hatten die Menschen noch ein paar vereinzelte Wächter getötet. Die Meisten von ihnen waren wohl betrunken gewesen und hinterrücks überrascht worden. Folglich waren sie kaum zu nennenswerter Gegenwehr in der Lage gewesen. Bald darauf waren die Menschen von den Schatten der Wälder verschluckt worden. Sie rannten blindlings drauf los um ihr Leben, getrieben von der Hoffnung den Weg nach Hause zu finden.

      Shargah musste sich regelrecht losreißen, nicht mehr auf Merrhok und den Bronzehuf zu starren. Als er erfuhr, dass die Gefangenen geflohen waren, kochte Wut in ihm auf. Augenblicklich brüllte er Befehle und schickte einen Spähtrupp mit Hunden los, um die Spur der Flüchtenden aufzunehmen. Wenn es ihnen nicht möglich wäre sie lebendig zurückzubringen, sollten sie die Menschen zu Tode hetzen. Was es auch kosten würde, das Geheimnis um den Zugang zum Herdenlager müsse gewahrt bleiben. Der Spähtrupp würde mit Leib und Leben dafür haften und abgetrennte Köpfe wären genauso gut wie lebende Gefangene um sicherzustellen, dass sie niemandem etwas erzählen könnten.

      Der Alte biss sich auf die Lippe als er den davonhetzenden Spähern nachsah, wie sie im Dunkel verschwanden. Er hatte keinen Zweifel daran, dass sie die Menschen aufspüren würden, ganz gleich ob tot oder lebendig. Immerhin barg der Wald selbst genügend Schrecken und Gefahren, um eine heile Rückkehr der Flüchtenden in eine der nächstgelegenen Siedlungen mehr als unwahrscheinlich zu machen. Der Jagdtrupp wäre ihnen nur auf den Fersen, um das Scheitern der Flucht zu bezeugen und Notfalls sicherzustellen. Außerdem würde so das Versagen der Wachposten gesühnt werden. Wenn die Flucht vereitelt würde, wäre die Sache damit erledigt, wenn nicht, wäre ein schneller Tod das Barmherzigste, worauf die Ungors zu hoffen wagen durften.

      Die gesamte Anrufungszeremonie stand auf dem Spiel. Shargah warf Brak einen ernsten, wortlosen Blick zu. "Wir müssen den Kampf fortsetzen. Die aufgestaute Energie darf auf keinen Fall ungenutzt verfliegen. Wenn wir es nicht schaffen die Anrufung auf diese Weise zu bewerkstelligen, ist es vorbei." Brak verstand sofort, als wären die Worte in seinem Kopf seine eigenen Gedanken gewesen. Sogleich begann er die Meute wieder in Richtung des Herdensteins zu treiben. Die anderen Schamanen taten es ihm gleich. Der Kampf müsste zu Ende geführt werden, einem gnadenlos blutigen Ende.





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      Kapitel 154 - Crescendo II


      Ghorhok und Merrhok waren mehr oder minder freiwillig auf die Knie gesunken und hatten die abrupte Unterbrechung des Spektakels dazu genutzt, zu Atem zu kommen. Das Dröhnen in den Schädeln der Beiden war genauso wenig abgeflaut wie der Schmerz ihrer zahlreichen Wunden. Ein Teil davon wurde noch immer vom Adrenalin übertüncht, während der Rest dafür sorgte, dass Teile ihrer Körper und Glieder gelähmt zu sein schienen und schlichtweg nicht gehorchten. Die beiden Häuptlinge waren so sehr damit beschäftigt, dem Verlangen ihrer geschundenen Leiber nicht einfach nachzugeben und scheintot umzufallen, dass sie nur beiläufig bemerkten wie sich die Menge am Rande des Steinkreises wieder zu verdichten begann. Die Trommeln setzten wieder ein und vereinzelte Rufe waren zu vernehmen. Unwillig, nur getrieben vom Verlangen der Masse, blickten sich die Beiden intensiv und lange an.

      Merrhok wusste nicht genau wie, aber er hatte es geschafft sich aus der Hocke aufzurichten. Die kurze Verschnaufpause hatte ausgereicht, um ein wenig klarer im Kopf zu werden. Mittlerweile sah er nicht mehr drei Abbilder des verstörend entstellten Bronzehufs, sondern nur noch eines und selten mehr als das. Auch Ghorhok hatte wieder auf die Beine gefunden und die Beiden traten nun langsam aneinander heran. Merrhok stellte sich vor, wie er eine schnelle Finte antäuschen, dann einen Haken in die andere Richtung schlagen und seinen Gegner mit einem gewaltigen, im Sprung ausgeführten, Kopfstoß niederstrecken würde. Es blieb jedoch bei der Vorstellung, da sein Körper ihm schlichtweg nicht mehr entsprechenden Gehorsam leisten wollte. Merrhok konnte es ihm nicht verübeln. Er hatte ihn heute Nacht nicht gerade pfleglich behandelt und so stapfte er lediglich mit mehr oder minder sicheren Schritten an den Bronzehuf heran. Diesem schien es ähnlich zu gehen. Als Merrhok endlich den Ausdruck der Augen seines Kontrahenten erkennen konnte, war darin keine Spur von Verschlagenheit oder Konzentration mehr zu erkennen, zumindest glaubte der jüngere Häuptling das.

      Als sie schließlich direkt Auge in Auge voreinander standen war nicht zweifelsfrei auszumachen, ob einer der Beiden dem Anderen überlegen sein mochte. Im Moment schienen die Gors mehr mit sich selbst zu kämpfen zu haben als mit dem Gegenüber. Die Menge war unterdessen wieder dabei sich in Rage zu brüllen. Hier und da drohten sie sich gegenseitig ins Innere des Kreises zu drücken. Es kam zunehmend zu Gerangel und Handgreiflichkeiten. Schließlich erhoben die Hüter des Herdensteins röhrend ihre mächtigen Stimmen, konnten das kakophonische Meckern und Johlen jedoch nur schwerlich übertönen.

      Merrhok glaubte seinen Namen aus der Masse zu vernehmen, fühlte aber nichts dabei. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn, vermischte sich mit frischem und altem Blut, hier und da brannte er in einigen der Platzwunden. Sein Schädel fühlte sich an als wäre er auf ein Vielfaches seiner normalen Größe angeschwollen. Noch ein weiterer Kopfstoß und er würde ganz sicher ohnmächtig werden. Um ihn und den mittlerweile direkt vor ihm befindlichen Ghorhok tobten die Behuften wie besessen. Hass und Blutgier schrie aus tausend Kehlen und dem Glühen ihrer tierischen Augen. Plötzlich schien die Zeit stillzustehen oder zumindest ganz und gar unmerklich voranzuschreiten. Merrhok sah wie ein Schweißtropfen von seiner Augenbraue herabhing und sich langsam, ganz langsam, zu lösen begann. Noch bevor der Tropfen fiel, schloss er die Augen, riss den Schädel nach hinten um Schwung zu holen und stieß mit aller Kraft die er aufbringen konnte zu. Ihm war egal ob er das Bewusstsein verlieren würde oder nicht. Im Moment schien ihm dieser Gedanke einer Erlösung gleichzukommen und er sah keine Alternative zu dem was er tat. Die Entscheidung läge nicht mehr bei ihm und er würde so oder so mit dem Ausgang des Kampfes leben – wenn er denn leben sollte.




      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

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      Kapitel 155 - Schwäche und Schmerz


      Merrhok nahm einen dumpfen Aufprall wahr. Als er die Augen öffnete, drehte sich alles um ihn und er glaubte sich übergeben zu müssen. Von seiner Stirn lief ihm Blut ins Gesicht. Er starrte angestrengt nach vorn und versuchte krampfhaft zu erkennen was geschehen war. Als die verschwommenen Formen sich zu verdichten begannen, sah er direkt vor sich die ruinierte Fratze des Bronzehufs. Ihrer beide Schädel hafteten noch immer aneinander und auch wenn er kaum glauben konnte, dass sein Gesicht noch in der Lage war irgendetwas zu spüren, so fühlte sich das blutende Ding auf seiner Stirn doch irgendwie deplatziert an, fast wie ein nasser, in Blut getränkter Lappen oder ein rohes Stück Fleisch. Schließlich holten seine Denkprozesse wieder auf und er verstand. Das warme Blut – welches ihm über und in die Schnauze lief – war gar nicht seines. Schließlich übergab er sich.

      Ghorhok schien unbeeindruckt davon, dass sein Kontrahent sich soeben unmittelbar vor seinem Gesicht erbrochen hatte. Was vom Antlitz des Bronzehufs übrig geblieben war, ließ Emotionen oder Ausdruck gänzlich vermissen. Nur die blutroten Schaumblasen um Mundwinkel und Nüstern, sowie die verdrehten Augen verrieten, dass es um ihn kaum besser bestellt schien als um Merrhok. Das Toben der Menge klang für Beide seltsam verzerrt und dumpf, wie im Inneren einer Glocke oder Kuppel. Nichts von dem was aus der Menge heraus gerufen wurde, drang noch verständlich an ihre Ohren. Was den kläglichen Rest ihrer Welt im Moment ausmachte, war beschränkt auf ein paar wenige, dafür aber umso deutlichere Details. In ihrer Wahrnehmung gab es nur Ghorhok, Merrhok, die Schwäche und den Schmerz.

      "Tu etwas! Tu etwas oder du bereust es für den Rest deines Lebens.", ging es Merrhok durch den Kopf. Die Gedanken waren so klar, dass sie unmöglich seine eigenen sein konnten, dennoch drangen sie zu ihm durch und setzten sich in seinem Unterbewusstsein fest. Schließlich begann er sich damit abzumühen, seinem Körper neue Befehle zu geben. Er hatte zwar Schwierigkeiten damit, gegenzuhalten und das Körpergewicht des Bronzehufs zu kompensieren, aber dennoch zwang er sich einen Huf nach vorn zu setzen und machte dann einen Schritt zurück. Ghorhoks eigener Stand war so unsicher, dass er seinem Kontrahenten beinahe vor die Hufe gefallen wäre. Aber wie durch ein Wunder fing er sich und verhinderte seinen Sturz zu Boden. Gerade als er sich wieder vollends aufrichtete, hämmerte Merrhoks Schädel erneut auf die Stirnplatte des Bronzehufs und um ein Haar hätte dieser sich ein Stück seiner Zunge abgebissen. Er stöhnte in Agonie und ließ den Unterkiefer hängen, während die taube Zunge sich anfühlte als würde sie anschwellen. Sein gesamtes Nervensystem meldete nur noch Schmerzen der unterschiedlichsten Art, aus allen Regionen seines Körpers. Verrückterweise schwächte das seine geistige Haltung jedoch nicht, sondern schien ihm eher egal zu sein, ganz so als ob ihn das Schicksal seines Körpers und eventuelle Langzeitschäden keinen Deut kümmern würden.

      "Dieser Bronzehuf ist komplett wahnsinnig.", dachte Shargah besorgt, als er die finsteren Ecken im wirren Kopf des über und über mit Blut besudelten Caprigors durchstöberte. Dann nahm er eine Hand voll getrockneter Pilze aus seinem Gurtbeutel, reichte sie Brak und einem der anderen Schamanen, bevor er selbst sich einige davon in den Mund schob, um darauf herum zu kauen. Er wusste, dass die Entscheidung kurz bevorstand und konnte das Prickeln auf seiner Haut nun immer stärker spüren. Der Monolith, in der Mitte des Kreises, hatte begonnen von innen heraus zu glühen. Grünes Licht drang durch die schwarze Maserung und pulsierte im Takt der Trommeln und des Geschreis. Wenn es soweit wäre und der Gorkampf entschieden sei, müssten sie bereit sein und versuchen die angestaute Dunkle Energie für das darauf folgende Ritual zu nutzen. Wenn alles liefe wie geplant, würde es ausreichen und wenn nicht, würden die Schamanen Blutopfer bringen, bis sich die Tore ins Reich des Chaos für sie öffnen würden. So aufgeregt Shargah diesem Moment auch entgegenfieberte, war es vorerst das Schicksal seines Häuptlings, welches ihn voll und ganz in seinen Bann zog. Merrhok und er hatten einen langen und beschwerlichen Weg bis hier her, zu diesem Augenblick, hinter sich gebracht. Der Alte wusste, dass die Entscheidung nun auf Messers Schneide stand. Wenn es ihm erlaubt gewesen wäre etwas zu tun, dann hätte er es ohne Frage getan. Aber der Kodex verbot es ihm und seine Schamanenbrüder wachten aufmerksam darüber, dass ihre uralten Traditionen gewahrt würden.

      Es war einzig und allein an Merrhok, nun den nächsten und möglicherweise letzten Schritt zur Erfüllung seines Schicksals zu tun.





      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • 24

      Kapitel 156 - Dominanz


      Brak war erfüllt von einem erhabenen Gefühl. Der Fluss der Energie war so stark, dass sich die Haare an seinen Armen und Beinen aufzustellen begannen. Im Zusammenspiel mit der Dynamik, dem Toben der Masse ergab sich eine Art Rhythmus. Alles lief synchron und er glaubte die Spannung und das aus den Emotionen aller Anwesenden resultierende energetische Potential regelrecht am eigenen Leibe spüren zu können. Dann besah er sich die Pilze, welche Shargah ihm gereicht hatte im Teller seiner offenen Hand. Nachdem der Alte begonnen hatte auf den kleinen, getrockneten Dingern herum zu kauen, schob auch Brak sie sich in den Mund und fing an sie langsam und beiläufig mit seinen Backenzähnen zu zermahlen, während er seine Aufmerksamkeit wieder auf die beiden übel zugerichteten Häuptlinge im Inneren des Ringes richtete.

      Merrhok war fassungslos. Sein Gegenüber stand noch immer auf den Beinen und er selbst hatte das Gefühl als möge sein Schädel jeden Moment in zwei Teile brechen, um das zum Platzen geschwollene Hirn auszuspucken. Das Blut in seinen Schläfen hämmerte im exakt selben Takt wie die Trommeln der Herden. Er wollte sich den sauren Speichel aus dem Maul wischen, sah sich aber nicht dazu in der Lage. Peinlich berührt darüber es vergessen zu haben, bewegte er die Schultern hin und her, um das Spiel seiner gefesselten Arme auszuloten. Viel war es nicht und erst als er seine Fäuste öffnete und wieder schloss, bemerkte er wie blutleer seine Glieder doch waren. Was er an Lebenssaft nicht bereits aus seinen zahlreichen Wunden herausgeblutet hatte, mochte sich im Moment irgendwo zwischen seinem wild schlagenden Herzen, der brennenden Lunge und dem glühend heißen Schädel befinden. Vor Allem Letzterer hatte eindeutig mit einem ungesunden Überschuss zu kämpfen. Während Merrhoks Unterbewusstsein sich dieser Umstände gewahr wurde, hatte Ghorhok sich scheinbar von dem letzten Kopfstoß erholt und damit begonnen, sich langsam aber unaufhaltsam wieder zu voller Größe aufzurichten. Der beängstigend leere Ausdruck seiner Augen zog Merrhok in seinen Bann.

      Ghorhok genoss geradezu, wie der kleinere Häuptling ihm zusetzte. Er hatte zwar das Gefühl jederzeit das Bewusstsein verlieren zu können, die Angst packte ihn aber nicht. Wenn überhaupt, dann war er wütend darauf, dass ihm die Chance genommen worden war den alten Großhäuptling zu besiegen. Eine seiner stärksten Triebkräfte war plötzlich verschwunden. Er hatte nicht mehr das Gefühl, dass es die Macht und die Führung der Herden war, wonach er eigentlich trachtete. Möglicherweise hatte er sich dies nur eingeredet, weil er sehen wollte wie er Gurlak diese Dinge wegnehmen würde. Und tatsächlich ging es wohl nur darum, den Größten und Mächtigsten unter Seinesgleichen herauszufordern und dann langsam, Stück für Stück auseinanderzunehmen. Merrhok schien ihm nicht der allermächtigste Gor unter den versammelten Herden zu sein. Der junge Bock weckte einfach nicht den Ehrgeiz in ihm, selbst sein Hass blieb seltsam tief vergraben. Stattdessen genoss er es, wie ihm dieser Jungspund Schmerzen zufügte. Jeder Stoß mit dem Schädel schien ihm wie ein Peitschenhieb des Herrn und Meisters der Gelüste selbst. Die Qualen kitzelten allerhöchstens ein verzerrtes Lächeln auf seine bestialischen Züge, auch wenn auf seinem zerfetzten Antlitz im Moment rein gar nichts davon zu erkennen war.

      Mit einem Mal riss Ghorhok seinen Kopf herum und die Hörner der beiden Häuptlinge gaben ein klackerndes Geräusch von sich, als sie übereinander hinweg glitten. Merrhok verlor augenblicklich das Gleichgewicht und kippte nach vorn über, um mit dem Gesicht auf dem runengeschmückten Boden aufzuschlagen. Der Bronzehuf schenkte ihm keinerlei Beachtung und wandte sich stattdessen etwas in seiner Flanke zu. Ob er es nun im Augenwinkel hatte kommen sehen oder ob es purer Instinkt gewesen sein mochte, der ihn wie vom Schlag getroffen auf den Plan gerufen hatte, würde er später selbst nicht mehr genau sagen können. Vor ihm begann Gurlak sich zu regen und Anstalten zu machen, erneut auf die Knie zu kommen. Der bis eben noch tief in Ghorhok vergrabene Zorn erwachte wie die zerstörerische Gewalt eines schlummernden Vulkans im Angesicht eines Erdbebens. Der Bronzehuf heulte trotz seiner tauben Zunge auf und ein verzehrendes Feuer loderte in seinen starrenden Augen. In Windeseile war er über seinem alten Widersacher und ließ schwere Tritte auf den gefallenen Großhäuptling niedergehen. Seine Hufe trafen nacktes Fleisch, Horn und Schädelknochen. Haut platzte auf, Blut spritzte und unter einem derben Knacken sackte Gurlak schließlich erneut in sich zusammen. Der Bronzehuf hielt inne und ließ einen gellenden Schrei ertönen, als ob er der ganzen Welt zurufen wolle, "Seht, hier liegt Gurlak der Verderbte, Großhäuptling, Führer der Herden, Fluch des Graktar und ich, Ghorhok Bronzehuf, habe ihn bezwungen." Seine geschwollenen Lippen bebten unter dem Schall des Gebrülls, die taube Zunge hing weit aus dem offenen Maul und die tobende Menge stimmte ein in seinen Siegesgesang.




      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Kapitel 157 - Kritische Masse


      Als Brak das gellende Schreien des blutroten Bronzehufs vernahm, fühlte es sich auf einmal an als ob ein Blitz durch ihn fahren würde. Der Griff seiner Hand festigte sich krampfartig um den Schädelstab und Funken flogen über seine Haut. Aus dem Stumpf seines Horns züngelte ein kleiner Blitz aus grellem Licht. Der Herdenstein glühte stark wie nie zuvor und das aus seinem Inneren dringende Pulsieren war zu einem beständigen, grünen Schein geworden, welcher die Quarzadern erhellte. Die magiefühligen Hüter des Steines heulten mit einem Mal auf wie besessen und mit weit aufgerissenen Augen stimmten sie in das Tönen und Toben der Masse aus Hörnern, Haaren und nacktem Fleisch ein. Die Emotionen der Herde und das von Ghorhok angerichtete Blutbad hatten tatsächlich das Ritual eingeleitet. Die Schamanen waren bereit und standen im Kreis verteilt um den Herdenstein, dann traten sie in das Innere der Arena. Langsam, mit erhobenen Händen und Stäben, näherten sie sich dem Monolithen, welcher mittlerweile zu brummen schien, während sein unheiliges Licht wie ein Gegenpol zu Morrslieb wirkte und die unzähligen, gehörnten Fratzen der Meute wie Ausgeburten finsterster Alpträume erscheinen ließ.

      Shargah stand bereits unter dem Einfluss der Rauschmittel und gab sich dem Fluss der Energie hin. Wie hypnotisiert schritt er langsam auf den steil aufragenden Herdenstein zu. Brak zu seiner Linken tat es ihm gleich, während gleißend helles Licht aus seinen Augenhöhlen erstrahlte, als wolle es dem vom Monolithen ausgehenden Schein der Finsternis entgegenwirken. Unglaubliche Kräfte waren am Werk und die Luft war wie elektrisiert. Während die Schamanen sich dem großen Stein wie in Zeitlupe näherten, wich die johlende Masse nach und nach zurück. Teils mochte Ehrfurcht sie leiten, andererseits auch pure Angst. Ghorhok stand bewegungslos vor dem glühenden Herdenstein und die Schamanen befanden sich nun Schulter an Schulter mit dem Sieger des Gorkampfes. Das Licht aus dem Inneren des Kreises strahlte mit einem Mal so unfassbar stark, dass jeder Anwesende geblendet wurde und entweder die Augen verschloss oder Gefahr lief die Sehkraft zumindest vorübergehend einzubüßen. Einige versuchten dennoch zu erkennen, was im Inneren des Steinkreises vor sich ging und sollten später berichten, dass Schamanen und Krieger zugleich sich wie an Fäden geführte Puppen vom Boden gelöst hätten, um bewegungslos in der Höhe zu schweben, umgeben von Tentakeln aus grünem Licht.

      Die Schamanen selbst stellten schließlich den langersehnten Kontakt mit den Boten der Dunklen Mächte her. Auf diese Weise wurden ihnen sowohl Ratschläge als auch Rätsel auf den weiteren Weg mitgegeben. Die Informationen, welche unter den einzelnen Ratsmitgliedern wie Puzzlestücke verteilt waren, sollten in der anschließenden Beratung nach und nach zu einem Gesamtbild zusammengesetzt werden. So berieten sich die Alten die ganze Nacht hindurch, während die vereinten Herden ihren neuen Herrscher in einem ausgelassenen Fest feierten. Es wurde gefressen und gesoffen, gesungen und getanzt. Als seine Fesseln schließlich gelöst wurden, war Ghorhok so mitgerissen von der Reaktion der Menge, dass er gar nicht mehr daran dachte sich an dem am Boden liegenden Gurlak zu vergehen und die unlängst ausgesprochene Drohung, in Bezug auf dessen Hörner, wahrzumachen. Die ohnmächtigen Krieger wurden unangetastet liegen gelassen, nachdem ihre Fesseln gelöst worden waren. Die Toten wurden von ihren Anhängern hinfort getragen und als Teil der Feierlichkeiten verspeist. Die infernalischen Festivitäten dauerten die ganze Nacht hindurch bis zum Morgengrauen an. Erst dann fielen die Letzten in einen tiefen, volltrunkenen Schlaf, um alsbald in eine neue Ordnung der Dinge – mit einer vereinten Großherde unter Führung eines neuen Großhäuptlings – zu erwachen.




      - ENDE von Teil 3 -




      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Danke, @wood y ellan! Das ist sehr schön zu lesen.

      Für Jene, die die Geschichte noch einmal ingedruckter Form, außerhalb des Forums oder gar am Stück lesen wollen, gibt es im Anhang noch einmal die PDFs zu den Teilen 1, 2 und 3.

      Ich würde auch gern die bebilderte Version des dritten Teils zur Verfügung stellen, jedoch ist sie mit knapp 5MB zu groß, um sie hier anzuhängen.

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Habe mir gerade die letzten Kapitel zu Gemüte geführt und kann nur sagen: Genial! :] Verdammt! :mauer: Sehr cool! :thumbup: Gemein! X(
      Ein toll geschriebener Schluss, aber Merrhok hat sein Ziel nach all der Anstrengung wieder nicht erreicht. Das ist ja, als wenn man das Lied von Eis und Feuer lesen würde...
      (Was ich übrigens sehr gern getan habe. ;) )
      Etwas überrascht hat mich, dass es tatsächlich Todesopfer gab. Jemand wichtiges? Gurlak? Wir werden es wohl später erfahren. Das schreit ja schließlich alles nach einer weiteren Fortsetzung! :)
      Die Bilder fand ich wieder exzellent! Besonders die dynamischen Posen, die du jetzt öfter gezeichnet hast.
      Danke für die Unterhaltung, bitte mehr, und einen guten Rutsch!

      PS: Der Vorschlag, du könntest für 9th Age schreiben, war übrigens sehr ernst gemeint. Irgendwelche Ambitionen oder sogar schon Entwicklungen in die Richtung?

      Das also sind diese Tage, an denen man zuhause sitzt, Bier direkt aus der kaputten Kaffeemaschine trinkt und wartet, dass es regnet, damit man endlich raus kann. - Horst Evers