Unterm Herdenstein (eine Tiermenschen Geschichte) - Des Dramas Vierter Teil

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    • Unterm Herdenstein (eine Tiermenschen Geschichte) - Des Dramas Vierter Teil

      Was bisher geschah...

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      Des Dramas Vierter Teil



      Kapitel 158 - Erwachen



      Als Merrhok das Bewusstsein wiedererlangte, hatte er keine Ahnung wo er sich befand. Zu heftig waren die Folgen der vielen Kopfstöße, welche sein Hirn hatte über sich ergehen lassen müssen. Er versuchte seine Augen zu öffnen, konnte aber kaum etwas sehen. Alles war verschwommen, als habe er zu viel halbvergorenen Wein gesoffen. Außerdem ließen ihm die dicken Schwellungen auf der Stirn und um die Augen herum kaum mehr als ein paar Schlitze, um etwas zu erkennen. Sein Gehör war an sich nicht beeinträchtigt und dennoch hätte der geschundene Gor schwören können, einem permanent dröhnenden Geräusch ausgesetzt zu sein. Um ihn herum herrschte ein unbarmherziges Getöse. Viele Wesen waren in wilder Hast unterwegs. Kämpften sie? Nein, sie schienen zu feiern. Als nächster seiner nur minder gestörten Wahrnehmungssinne, meldete sich der Geruchssinn. Trotz einer durch und durch von getrocknetem Blut verstopften Nase roch er eine penetrante Note ganz deutlich heraus: Moschus. Es war nicht diese Art, welche seinesgleichen aus Angst hinterließen und auch nicht die permanent vorhandene, eher dezentere Variante der geschlechtsreifen Gors. Was ihm da in die Nase stieg, roch nach Macht.

      Als er seinen Oberkörper aufrichtete, bemerkte er wie sein Körper über und über verklebt war. Da war eine undefinierbare Mischung aus kaltem Schweiß, verkrustetem Blut und noch irgendetwas anderem. Urin. Das Schlimmste daran mochte sein, dass es nicht sein eigener war. Mit einem Mal begannen die Erkenntnis und ein schwer drückender Kopfschmerz zeitgleich zuzuschlagen. Erstere wurde sogleich von den dominanten Schmerzen verdrängt und Merrhok erstarrte in seiner Bewegung, während er versuchte die Kontrolle über seinen Körper zurückzuerlangen und sich zu entspannen. Er schloss die Augen und fasste sich an die übel zugerichtete Stirn. Dann, langsam, nach und nach, kam die Erinnerung daran wieder, wieso er überhaupt hier war.

      Gurlak, Ghorhok, der Kampf um die Vorherrschaft. Gurlak war zu Boden gegangen. Daran konnte er sich als erstes wieder erinnern. Aber was mit Ghorhok geschehen war, wollte sich ihm ums Verrecken nicht erschließen. Sein Hirn ermahnte ihn erneut keine allzu komplexen Denkprozesse in Gang zu setzen, indem es den Kopfschmerz mit erneuter Gewalt zurückbrachte. Als die Hammerschläge gegen Schläfen und Stirn immer stärker auf ihn einzutrommeln begannen, ließ Merrhok den Gedanken schließlich fahren. Die Erinnerungen müssten wohl warten. Stattdessen begann er seinen Körper und den Boden um sich herum langsam abzutasten. Der Gestank des Urins war penetrant und er wollte nur noch weg von hier. Als er sich langsam auf die Hinterläufe begeben hatte wurde ihm klar, dass er dem Gestank nicht entkommen würde. Wer auch immer den Kampf gewonnen haben mochte, musste sich direkt auf ihn und sicher auch die anderen unterlegenen Herausforderer erleichtert haben.

      Merrhok wollte ausspucken. Dabei hatte er das Gefühl nicht sagen zu können, ob es auch nur einen einzigen Zahn in seinem Maul geben mochte, der nicht locker wäre. Daraufhin biss er die Fänge zusammen und schluckte eine widerwärtige Mischung aus Magensäure und halb geronnenem Blut herunter. Das musste dann wohl der Geschmack der Niederlage sein.

      Die hellen Flecken in seinem Sichtfeld, bei welchen es sich um die zahlreichen Lagerfeuer innerhalb des Herdenlagers handelte, wurden stetig umtanzt von ausgelassenen Behuften. Langsam und vorerst ziellos suchte er sich seinen Weg durch die dunkleren Bereiche in den Zwischenräumen. Die meisten Gestalten schienen ihm aus dem Weg zu gehen. Hier und da stieß aber dennoch der eine oder andere Artgenosse gegen seine Schultern, den Rücken oder die Brust. Merrhok war es egal. Alles schien im Moment egal. Erst als sich eine Hand auf seine Schulter legte und eine ruhige Stimme ihn dazu aufforderte ihm zu folgen, kam wieder so etwas wie Licht in die dunkle Gedankenwelt des Häuptlings.

      Es sollte eine ganze Weile dauern, bis Shargah sich ernsthaft um Merrhok kümmern konnte. Direkt nach dem Kampf hatte das Ritual zur Kontaktaufnahme mit den Dunklen Mächten begonnen und im Anschluss waren die Schamanen geschlossen in einem ihrer Versammlungszelte verschwunden. Die Erlebnisse und Erkenntnisse ihrer Kontaktaufnahme mussten umgehend geteilt und diskutiert werden. Bis dahin hatten sich die treuen Schädelsammler um ihren Herrn gekümmert, ihm Wasser gebracht und seine Wunden behandelt.

      Schließlich war der Alte zurückgekehrt und nahm sich umgehend und ohne dabei Worte zu verlieren des übel zugerichteten Kriegers an. Unmittelbar darauf fiel Merrhok in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Wooooooooohoooooooooooooooo! :]
      Näheres, wenn wir mehr erfahren haben... ;)

      Das also sind diese Tage, an denen man zuhause sitzt, Bier direkt aus der kaputten Kaffeemaschine trinkt und wartet, dass es regnet, damit man endlich raus kann. - Horst Evers
    • Kapitel 159 - Der große Plan


      Die Herde musste schnell feststellen, dass sich die Dinge mit dem Bronzehuf an ihrer Spitze drastisch ändern würden. Als Gurlak die Herden führte, waren die Krieger unter seinem Befehl erfüllt von Ehrfurcht. Der einstige Großhäuptling strahlte Kraft aus und vermittelte dabei das Gefühl eines unanfechtbar legitimen Machtanspruchs. Nur die Wahnsinnigsten unter den Behuften kamen seinerzeit auch nur auf die Idee, ihn herausfordern und im Kampf besiegen zu wollen. Ghorhok war einer dieser wenigen Narren und nach langem Trachten und Ringen, sollte sein Wunsch erhört werden. Mit ihm an der Spitze der Nahrungskette herrschte ein anderes Regiment in den Reihen der Kinder der Dunklen Mächte. Seine schiere Präsenz und Launenhaftigkeit trugen etwas in die Herzen seiner Untergebenen, das seit seinem Machtantritt in jeder Ecke des Herdenlagers zu spüren und sogar zu riechen war, Angst. Wenn es unter Gurlak die Ehrfurcht war, welche die Behuften den Blick abwenden und Abstand zu ihrem Herrscher halten ließ, so war es bei Ghorhok blanke Panik, die jenen Effekt erzeugte.

      So etwas wie Ordnung kam erst in dieses Chaos, als die Schamanen ihre Ratssitzung beendet hatten und der vereinten Kriegsherde, mittels ihrer Erkenntnisse und Entschlüsse, eine Aufgabe und neue Ausrichtung zu geben gedachten. Es hatte lange gedauert einen Sinn in all den Visionen auszumachen und nur in Kombination ergab sich so etwas wie ein Bild. Shargah hatte dabei noch immer einige Informationen für sich behalten, da er fürchtete, dass Braks Rolle in diesem Spiel größer sein könnte als er es im Moment zu verkraften im Stande wäre. Eine fehlgedeutete Offenbarung mochte schnell den Wahnsinn oder tödliche Hybris über den jungen Gor bringen. Allzu oft hatte der uralte Schamane schon erlebt, wie die Weissagungen des einen Tages sich in Rauch auflösten, weil der Wandler der Wege bereits einen neuen, vielverzweigten und nicht nachvollziehbaren Plot im Sinn hatte. Solcher Risiken gedachte er seinen neuen Schützling nicht auszusetzen und behielt deshalb die Details über die ihm zugedachte Aufgabe vorerst für sich.

      Neben vielen noch undeutlichen und fragmentarischen Details wie, "den beiden Einäugigen", "dem Wolf", "der Bestie", "unstillbarem Hass" und "der Rache des Älteren" war der Faktor Zeit in vielen der empfangenen Visionen von klarer Relevanz gewesen. Die Herde müsste schnell aufbrechen und ihrem Schicksal entgegengehen. Morrslieb würde den Ältesten auf seiner Wanderung anzeigen, wann die Stunde der Prophezeiung gekommen sei. Im Moment galt es sofort gen Nordosten aufzubrechen und den elterlichen Ratschlägen der Dunklen Mächte zu vertrauen, bis alles sich zu einem Ganzen fügen sollte.

      Wenngleich Ghorhok nicht glücklich darüber war, die Zeit seiner Lobpreisung verkürzt zu sehen, gab er Befehle die gesamten Herden innerhalb von zwei Tagen abmarschbereit zu machen. Es war nicht so als habe er die Bedeutung des Wortes "unverzüglich" nicht verstanden, vielmehr musste er seine Machtposition bestätigen und deutlich machen, dass er hier festlegte wie schnell oder wie langsam etwas vonstatten zu gehen habe. Die Schamanen widersprachen nicht und machten sich daran alles für ihre Abreise vorzubereiten. Wer in den zwei von Ghorhok proklamierten Tagen nicht bereit wäre den Marsch nach Nordosten anzutreten, sollte zurückgelassen werden. Auch da war der Bronzehuf äußerst deutlich gewesen und so befand sich das Lager sogleich in emsiger Geschäftigkeit, um alle nötigen Vorkehrungen für den Aufbruch zu treffen. Die Feierlichkeiten am Fuße des Herdensteins waren augenblicklich beendet und übriggebliebene Speisen und Getränke wurden hastig vertilgt.

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Kapitel 160 - Abschied


      Als Merrhok endlich erwachte, fand er sich auf der Ladefläche eines Karrens wieder, welcher bedächtig und unter merklichem Ruckeln über den von Wurzeln durchzogenen Waldboden gezogen wurde. Seine Kopfschmerzen hatten deutlich nachgelassen und auch die Schwellungen in seinem Gesicht waren wieder etwas zurückgegangen, sodass er mehr sehen konnte als noch vor kurzem. Wie lange hatte er eigentlich geschlafen und wieso waren sie jetzt unterwegs? Suchend blickte er sich um und über die hölzerne Bordwand hinweg, sah er Shargahs Schädelstab und die dunkle Kutte des Schamanen. Der Alte lief zusammen mit ein paar Ungors neben dem Wagen her und blickte Merrhok schließlich, aus dem Schatten seiner Kapuze heraus, in die verquollenen Augen.

      Shargah erklärte seinem Häuptling was geschehen war und wieso sie bereits wieder auf dem Weg vom Herdenlager weg waren. Außerdem versicherte ihm der Alte, dass er seine Wunden versorgt und ihn gewaschen habe. Wenngleich Merrhok keinen Zweifel an den Worten seines vertrauten Schamanen hegte, glaubte er nach wie vor immer noch Ghorhoks Urin riechen zu können. Allein bei dem Gedanken überkam ihn bereits ein Gefühl von Scham, welches gleich darauf dem Zorn weichen musste. Shargah las ohne große Mühe aus den Gesichtsausdrücken des Häuptlings, was in Merrhok vorging und mahnte ihn vorerst zur Ruhe. Er müsse fressen und sich erholen, bevor er auch nur an Vergeltung denken könne. Resigniert schloss Merrhok die Augen und ließ sich langsam und unter Schmerzen – welche von seinem Nacken und Rücken her strahlten – zurücksinken. Eine Weile lang lag er so da, bis sein gepeinigter Körper wieder halbwegs aufgehört hatte zu protestieren, dann wiegte ihn das unablässige Holpern und Rütteln des Karrens wieder in den Schlaf.

      Während Merrhok sich nun auf dem Weg nach Nordosten befand, war es Gurlak nicht vergönnt die Reise als Teil der Kriegsherde anzutreten. Er war zu schwer verletzt gewesen, um das Lager seines Schamanen, Bratak, bereits so kurz nach dem Kampf wieder zu verlassen. Mehrere seiner Rippen, sowie das Jochbein, waren gebrochen. Am gesamten Körper hatte er Schwellungen, Blutergüsse und zahlreiche Platzwunden, vom erheblichen Blutverlust ganz zu schweigen. Nur mit letzter Kraft hatte er sich aus dem Steinkreis schleppen können und nachdem er auf dem Lagerplatz seines vertrauten Beraters zusammengebrochen war, hatte er sich nicht wieder erhoben.

      Bratak war keineswegs böse, als die nun vereinten Herden ohne sie aufbrachen. Ein gewisses Quantum Raum und Zeit zwischen die beiden Streithammel Ghorhok und Gurlak zu bekommen, konnte im Moment kaum falsch sein. Der Schamane war zudem nicht sonderlich erpicht darauf, unnötige Risiken eingehen. Ein unverzüglicher Transport barg viele Gefahren und konnte im Zweifelsfall unvorhersehbare gesundheitliche Folgen für den Verletzten haben. Außerdem schien es mehr als wahrscheinlich, dass der von Allmachtsfantasien beseelte Bronzehuf jederzeit auf die dumme Idee kommen könnte, sich ein weiteres Mal an Gurlak zu vergehen und seine unlängst ausgesprochene Drohung dem alten Feind gegenüber doch noch wahrzumachen. Eine Trennung schien also mehr als angebracht, solange Gurlak sich nicht würde verteidigen können. Immerhin wüssten sie, wohin die Reise gehen sollte und so würden sie – zusammen mit den wenigen Getreuen, welche mit ihnen am Herdenstein zurückbleiben würden – die ungleich langsamere Großherde ganz bestimmt in einigen Tagen wieder eingeholt haben. Der überwiegende Teil von Gurlaks alter Leibgarde hatte sich bereits in der Nacht nach dem Kampf auf den neuen Herrscher eingeschworen. Nur die vertrautesten und langjährigsten Herdenmitglieder aus seinem Gefolge blieben mit dem Verletzten zurück, auf der Hochebene. Unter ihnen befand sich auch Turgok. Zusammen mit den Hütern des Herdensteins und Bratak hatte er Ghorhoks Tross hinterhergeschaut, wie sie langsam über die steinigen Bergketten hinwegzogen, um schließlich in die dahinterliegenden Wälder, nahe des angrenzenden Sumpfgebietes, einzusickern und sich den Blicken der Zurückbleibenden schließlich zu entziehen.

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Da ich kürzlich darauf angesprochen wurde doch einmal zu visualisieren wo die Schlachten denn stattfinden und welchen Weg die Herden innerhalb der Geschichte nun bereits hinter sich gebracht haben, möchte ich hier einen kleinen Einblick mit Euch teilen. Wie unschwer herauszulesen, befinden wir uns im Middenland, mit Kurs nach Norden.

      Die Zahlen geben die entsprechenden Kapitel an. Blaue Bewegungen sind jene von Feinden, rote sind die uns bekannten Wege der Herden.


      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Kapitel 161 - Unterwerfung


      Gerade wollte Turgok seinen Blick von der Baumgrenze und den letzten, dahinter verschwundenen Nachzüglern der Kriegsherde abwenden, da erregte erneute Bewegung im Unterholz seine Aufmerksamkeit. Der Gor runzelte die Stirn und kniff die Augen zusammen, um besser zu sehen. Aus dem Dunkel des an den kärglich bewachsenen Fuß des Berges grenzenden Waldes schälte sich die Form einer einzelnen Gestalt. Sie ging auf einen Stab gestützt und hatte exakt den gleichen Weg eingeschlagen, auf dem der Tross die Anhöhe verlassen hatte.

      Eine halbe Stunde später war die Gestalt so nahe, dass Turgok Augenkontakt mit ihr aufnehmen konnte. Er erkannte einen jungen Schamanen wieder, der dem Kampf und dem Ritual letzte Nacht beigewohnt hatte. Sofort war sein Misstrauen geweckt und er fragte sich, was den Seher dazu bewogen haben mochte, so unvermittelt zum Herdenstein zurückzukehren.

      Als Brak kurze Zeit später die Versammlungsstätte betrat, ging er wortlos an Turgok vorbei. Die Hüter-Bullen beäugten den Schamanen aus der Distanz, aber keiner von ihnen sah eine Notwendigkeit ihn nach seinem Anliegen zu befragen. So hielt er letztlich unbehelligt auf Brataks Lager zu, wo er dem bleichhäutigen Schamanen und dem verletzten Gurlak seine Aufwartung machte. Mit wenigen Worten erkundigte Brak sich nach dem Befinden des schlafenden Kriegers und begann schließlich eines der Lederbänder an seinem Stab zu lösen. Es war das Halsband mit dem Warpstein, welches sie von den Schlachtfeldern im Süden mit sich gebracht hatten. Derselbe Stein, welcher Merrhoks Leben gerettet und auch die Wunde an Braks Hand geschlossen hatte. Bratak wusste, dass die zweifelhafte Heilkunst der Skaven – in Verbindung mit der Macht dieser Steine – seinen Häuptling bereits einmal aus den Fängen des Todes befreit hatten. Als er sah, wie der junge Schamane die Kette schließlich auf Gurlaks Brust legte und ihn dabei lange und wortlos anstarrte, hatte er weder Bedenken noch Einwende. Die einzige Reaktion des bewusstlosen Gurlak war ein tiefer Atemzug, welcher den breiten Brustkorb merklich hob und wieder senkte, während ihm ein gepresster, beinahe schon qualvoll pfeifender Stöhn-Laut entfuhr. Eine – für Braks Verständnis – erstaunliche Leistung, in Anbetracht der gebrochenen Rippen, welche man unter den zahlreichen Prellungen und Blutergüssen erahnen konnte. Nach einigen stummen Momenten verließen die beiden Seher das aus Tierhäuten gefertigte Zelt und traten nach draußen, wo die Sonne durch eine gräuliche Wolkendecke auf sie herabstrahlte und das Steinmassiv um sie herum wärmte. Sie hörten nicht mehr wie die Rippen in Gurlaks Brustkorb zu knacken begannen, als gerissenes Gewebe und gebrochene Knochen begannen sich wie durch Magie wieder zusammenzufügen.

      Die Kriegsherde war indessen zügig unterwegs. Ihre Disziplin war geradezu eisern, nachdem Ghorhok ein Exempel an zweien seiner Gruppenführer statuiert hatte. Einem von ihnen hatte er vorgeworfen seine Untergebenen nicht schnell genug anzutreiben und so den Rest des Trosses zu bremsen. Daraufhin hatte er dem verängstigten Häuptling die Hörner ausgerissen und ihn im Anschluss den niedersten Kreaturen der Herde lebendig zum Fraß vorgeworfen. Ein Anderer hatte in den Augen des Bronzehufs sein Rudel nicht im Griff und so entkam auch er seinem grausamen Schicksal nicht. Ghorhok hatte ihm langsam und geradezu genüsslich die Arme ausgerissen, indem er seinen überlegenen Körperbau und pure, bestialische Kraft aufgewendet hatte. Dabei wurde das unglückliche Opfer bei den Handgelenken gepackt und der Bronzehuf begann ihn mittels seiner eigenen, längeren Arme zu strecken. Nach scheinbar endlosen Qualen verließen den verzweifelten Herdenführer die Kräfte. Nacheinander sprangen die Knochen aus den Gelenken und letzten Endes rissen Sehnen, Fleisch und Haut in blutige Fetzen. Die versammelten Behuften waren von Faszination und Grauen ergriffen, Urin lief ihnen an den Hammelbeinen herab und die Luft stank nach Angst. Angestachelt von diesem Gefühl der Macht, hatte der Bronzehuf den Schädel des Gors auseinandergerissen und dessen Hirn in einem Stück heruntergeschlungen. Damit erlosch auch der letzte Widerstand in den Reihen der Herden. Mit rasender Geschwindigkeit verbreitete sich das Gerücht unter den Kriegern, dass der Herr der Gelüste seinem Sohn die Macht verliehen habe, auf diese Weise für ihn und sich selbst Zugriff auf alle Geheimnisse seiner Opfer zu erhalten. Nun mussten sich potentielle Emporkömmlinge selbst vor ihren Gedanken in Acht nehmen und Ghorhoks Status war auf eine neue Ebene befördert worden. Die grundlegende Botschaft war zweifelsohne bei jedem Mitglied der Herden angekommen: Der Bronzehuf würde keinen Widerstand und keinen Ungehorsam dulden. Seine Grausamkeit gegen Freund und Feind band die Herden unter den eisernen Griff ihres Herrn und sie folgten ihm bedingungslos und geschlossen weiter nach Nordosten, dem Schicksal entgegen.


      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • @DD-der-Kleine Die gezeichneten Bilder sind alle von mir, ja. (Auch die im dritten Teil.)

      Der Bronzehuf hat durchschnittlich bis leicht überdurchschnittlich große Hörner. Die sehen auf dem Bild durch die Perspektive und den sich dadurch ergebenden Zerrwinkel allerdings kleiner aus.

      Wirklich große Hörner hat nur Gurlak. Die sind allerdings schon fast hinderlich, wenn nicht sogar lebensgefährlich. (Man bedenke, dass ein Gegner einen Prima Hebel hat, um einem das Genick zu brechen!) Gurlak ist der einzige Häuptling der Herde, welcher für seine Hörner legendär ist und eindeutig damit identifiziert wird.

      @wood y ellan Freu Dich schonmal auf die kommende Jagd... und die Schlacht! :winki:

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Das mit der Karte finde ich ziemlich stark, damit lässt sich die Geschichte irgendwie noch besser nachvollziehen/einordnen :thumbup: .
      Insbesondere wenn man die Orte der alten Welt noch aus Büchern oder Regelwerken kennt.
      Ausgerechnet Middenland, deren blau-weiße Truppen ich immer ins Feld geführt habe :tongue: .
      Meine Sympathien sind gespalten, aber einige Triumphe seien Deiner Herde gegönnt,bis der Nachbar Middenheim vielleicht wieder eingreift :)
    • wood y ellan schrieb:

      Ick lass mir übaraschn
      ;(

      Jetzt mach ich mir ja doch fast Sorgen... :|


      GreenTide74 schrieb:

      Das mit der Karte finde ich ziemlich stark, damit lässt sich die Geschichte irgendwie noch besser nachvollziehen/einordnen :thumbup: .
      Insbesondere wenn man die Orte der alten Welt noch aus Büchern oder Regelwerken kennt.
      Ausgerechnet Middenland, deren blau-weiße Truppen ich immer ins Feld geführt habe :tongue: .

      In meinem Kopf und diversen Skizzen hatte ich den Weg schon von Anfang an vor Augen. Ich hatte mich schon gefragt ob irgendwann jemand versucht den Weg nachzuvollziehen oder nicht. Immerhin wurden ja hier und da gewisse Schlüsselorte genannt, die es nicht allzu schwierig gemacht hätten. :hihi:


      GreenTide74 schrieb:

      Meine Sympathien sind gespalten, aber einige Triumphe seien Deiner Herde gegönnt,bis der Nachbar Middenheim vielleicht wieder eingreift :)

      Ich befürchte, im Krieg... gibt es keinen Triumph. :|


      Für alle die es nicht erwarten können...

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche

    • Kapitel 162 - Auf eigenen Beinen


      Das Rattern und Holpern des hölzernen Karrens riss Merrhok erneut aus einem unruhigen Schlaf. Er konnte nicht zählen wie oft er auf diese Weise wachgerüttelt worden war, doch diesmal glaubte er nicht wieder dahindösen zu können. So zog er das braune Leinentuch von seinem Haupt und begann sich aufzuraffen. Wie lange sie schon unterwegs sein mochten, entzog sich der Kenntnis des Gors und das dichte Blätterdach des Waldes machte es nicht einfach einzuschätzen, wie hoch die Sonne wohl im Moment stehen mochte. Scham ließ ihn die um ihn herum marschierenden Gestalten ausblenden, als wären sie keinen seiner Blicke wert. Stattdessen starrte er mit einem grimmigen Ausdruck in die Ferne, den Weg hinab, welchen sie gekommen waren. Sein Kopf fühlte sich noch immer ein wenig an wie in Watte gepackt, war aber weniger zugeschwollen als er erwartet hätte. Diesen Umstand hatte er zum größten Teil Shargah zu verdanken, welcher die massivsten Schwellungen mit Entlastungsschnitten versehen hatte. Auf diese Weise konnte gestautes Blut abfließen und würde sich nicht gänzlich im Gewebe abbauen müssen. Zurück blieben schließlich nur kleine, verkrustete Schnitte und Flecken in den schillerndsten Farben, welche anzeigten, in welchen Stadien der Zersetzung die darunter befindlichen Reste des geronnenen Blutes waren.

      Während Merrhok noch immer verloren in Gedanken auf der Ladefläche des dahinzuckelnden Karrens hockte, begann ein tiefliegendes und lang ignoriertes Bedürfnis in ihm aufzusteigen. Geradezu mit Gewalt erzwang sein Magen sich den Weg in das Bewusstsein des erwachten Häuptlings, indem er sich krampfartig zusammenzog und ihn biss. Darauf folgte ein tiefliegendes Grummeln aus seinen Innereien und sofort begannen die in Verlangen entbrannten Augen des Jägers umherzuschweifen, suchend nach einem willigen Opfer, um seinen Hunger zu stillen. Instinktiv wichen die schwächeren der anwesenden Behuften seinem Blick aus und nur ein paar weiter entfernte Gors sprangen auf das gefahrverheißende Gebaren und die unmittelbar damit verbundenen Hormone des Häuptlings, auf dem Karren, an. Merrhok machte sich gerade daran von der Ladefläche hinabzuspringen und wäre um ein Haar gestürzt, als die endlos ruckelnde, stetige Bewegung zu einem plötzlichen Halt kam. Schlagartig kam er sich wie geerdet vor, als er den weichen, von unzähligen Hufen zertrampelten, Waldboden unter seinen Hinterläufen spürte und die von unzähligen Duftnoten durchzogene Luft einatmete. Kleine Bröckchen getrockneten Blutes lösten sich in seinen geweiteten Nüstern und er schluckte sie beiläufig hinunter, während ihm Gedankenfetzen einzelne Bilder des zurückliegenden Kampfes wieder in den Kopf pflanzten.

      Merrhoks Blick war düster und gefühllos. Viele der Anwesenden erstarrten in ihrer Bewegung und Unordnung kam in den ins Stocken geratenen Zug. Er roch keinen Widerstand, nur Angst. Es wäre Merrhok unmöglich gewesen mit Sicherheit sagen zu können, was als nächstes geschehen wäre, wenn Shargah ihn nicht aus der Situation gerissen hätte. Aller Wahrscheinlichkeit nach, wäre er unvermittelt über eines der schwächeren Herdenmitglieder hergefallen und hätte es mit Haut und Haaren zu verschlingen versucht, ohne groß darüber nachzudenken. Aber es war diese vertraute, väterliche Stimme, welche ihn geradezu packte und aus seinem Rauschzustand heraus wieder in eine ungleich gewaltlosere Variante der Realität zurückkehren ließ. Zu so etwas war nur Shargah in der Lage. Wenn es nötig war, hatten die Worte des Alten diese eigenartig machtvolle Wirkung auf seine Artgenossen. Wenn Merrhok ihm nicht blind vertraut hätte, wäre der Gedanke an einen so massiven Einfluss des Schamanen, auf das eigene Gemüt, beinahe besorgniserregend gewesen.

      "Friss!", war alles was Shargah schließlich sagte, als er Merrhok von einem der Ungors einen verführerisch duftenden Beutel reichen ließ. Blitzschnell – wie der Biss einer Schlange – packte der Häuptling zu und riss das Leinengewebe beinahe auseinander, als der den Sack öffnete. Der Geruch von Gebratenem war jetzt überwältigend stark und Merrhok lief das Wasser im Maul zusammen. Er griff hinein, holte eine Keule dunklen Fleisches heraus und vergrub seine Fänge tief in das erkaltete, durchgegarte Fleisch. Mehr Speichel schoss ihm in den Mundraum und sein Magen jauchzte geradezu erwartungsvoll auf, als er große Stücke vom Knochen riss und gierig herunterschlang, wie ein hungriger Wolf. Erst nachdem dieses unmittelbare Bedürfnis gestillt war, kam ihm ins Bewusstsein wie er wohl auf sein Umfeld gewirkt haben mochte. Die Anwesenden wichen noch immer seinen Blicken aus und er witterte diese provokante Mischung aus Angst und Verunsicherung in ihren Ausdünstungen. Ein großartiges Gefühl, nach Allem was er unlängst durchmachen musste. Während er das Fleisch in sich hineingeschlungen hatte, war er mit dem Rest der Gruppe in einen zügigen Schritt gefallen. Es fühlte sich großartig an, wieder fest auf beiden Beinen zu stehen und Herr über den eigenen Körper und seine Sinne zu sein. Jeder seiner Schritte weckte mehr und mehr Zuversicht in ihm. Er befand sich am Leben, war noch immer in einem Stück und er fühlte sich stark. Unlängst hatte er geglaubt, dass alles vorbei wäre. Aber jetzt - in diesem Moment - kam es ihm eher so vor, als finge es gerade erst an.

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    • Kapitel 163 - Wilde Hatz


      Ghorhoks Lunge brannte. Er ignorierte den Schmerz genau wie die unzähligen Dornen des Gestrüpps, welche sich auf der Hatz durch das Unterholz in seinem Fell verfingen und in seltenen Fällen sogar die dicke Haut seiner Beine durchbohrten. Auch wenn das Getrappel von hunderten von Hufen und Pfoten, seiner Untergebenen, eine berauschende Wirkung auf ihn hatte, war er doch mit einer Gruppe von gut drei Dutzend Kriegern vorausgeeilt und hatte sich binnen kurzer Zeit vom Rest des Trosses bereits deutlich abgesetzt. Die verbleibenden Gruppenführer würden den Pulk in seiner Abwesenheit zusammenhalten und weiter vorantreiben. Keiner der Häuptlinge wagte es auch nur an eine Zuwiderhandlung zu denken. Die drohenden Konsequenzen und die Erinnerung an die weniger Glücklichen unter ihren Artgenossen jagten jedem noch so prächtigen Häuptling der Großherde unaussprechliche Angst ein. Nur die Abwesenheit ihres Herrn stärkte ihnen im Moment den Rücken, um vor dem Rest der Herde unangefochten autoritär auftreten zu können.

      Während Ghorhok, mit einer ganzen Horde im Schlepptau, durch das Unterholz wetzte, hielt er sich an dem Gedanken fest, Blut zu vergießen. Auf diese Weise gedachte er die Langeweile vertreiben und den langen Weg nach Norden kürzer erscheinen lassen. Seine Untergebenen hatten indessen alle Mühe nicht den Anschluss zu verlieren. Sie schnauften schwer unter den Kapuzen und Masken, welche ihre bestialischen Gesichter verdeckten. Große, langstielige Äxte wogen schwer in ihren Pranken, die Ringe der Kettenhemden schlugen im immerwährenden, nerv-raubenden Takt, während Fell und Stoff durchnässt waren mit Schweiß, der jeden Zentimeter ihrer, mit Dreck verkrusteten, Haut bedeckte.

      Als er unaufhaltsam durch das Strauchwerk preschte, war der massige Großhäuptling mit seinen Gedanken weit entfernt. Sie hielten sich an Dingen fest, welche er in der Nacht seiner Machtergreifung gesehen hatte. Nachdem das Licht im Inneren des Steinkreises ihn zu umhüllen begonnen hatte, waren ihm Fragmente der Visionen zuteilgeworden, welche die Schamanen empfangen sollten. Für einen Moment hatte er einen Blick auf eine majestätische Gestalt erhaschen können, deren unerklärliche Anziehungskraft seine Körpersäfte selbst jetzt – außerhalb der Brunftzeit – zum Kochen brachten. Als seine schmachtenden Blicke sich mit jenen der unergründlichen Bullen-Augen kreuzten, schien es als ob die Zeit stillstünde. Das Wesen war daraufhin tief in seinen durchgeschüttelten Kopf eingedrungen. Nachdem es schließlich den Kontakt abgebrochen und sich abgewendet hatte, um in den Weiten der Leere zu verschwinden, schien etwas von ihm in Ghorhok zurückgeblieben zu sein. Und obwohl er sonst eine tiefliegende, unerklärliche Abneigung gegen Mutanten hatte, war er diesem feingliedrigen, vielarmigen Wesen – dessen Äußeres ihm so fremd und gleichzeitig doch so vertraut erschien – hoffnungslos verfallen. Seine Hatz durch das Unterholz war Beides, eine Flucht, weg vom dem was er begehrte, aber nicht fassen konnte und gleichzeitig auch eine Jagd, hin zu dem wonach er so sehnlichst verlangte. Die sinnesbetäubenden Schmerzen, welche damit einhergingen, waren willkommene Begleiter und halfen ihm seinen Verstand nicht gänzlich an seine Muse zu verlieren.

      Plötzlich schlugen seine Sinne Alarm und Ghorhok befand sich schlagartig wieder im Hier und Jetzt. Er bremste seinen Lauf und blieb schließlich – für seine Krieger völlig unvermittelt – stehen. Es war eine ganze Reihe von Eindrücken, die plötzlich auf ihn einprasselte. Rauch? Fäulnis? Etwas Scharfes… Angst! Ja, er liebte diese Note. Es war der süße Duft von schierer Panik, der hier stark und immer stärker wurde. Seine Ohren zuckten und stellten sich steif auf, während er tief einatmete. Seine Blicke tasteten systematisch die unmittelbare Umgebung ab. Unweit vor sich sah er sie schließlich, verborgen im Farndickicht. Er hatte eine Gruppe seiner eigenen Späher eingeholt und so glotzten sie ihn nun aus erschrockenen, ungläubigen Augen an, als wäre soeben ein Mammut durch das Unterholz in ihrem Rücken gebrochen und würde damit drohen, sie unter seinem gewaltigen Körper zu zermalmen. Die Erkenntnis traf beide Seiten im gleichen Augenblick und gemeinsam schwiegen sie einen Moment lang in geteilter Verwunderung, bis Ghorhok schließlich unter tiefem, bedrohlichem Schnaufen auf sie zu stapfte. Der Geruch ihrer Angst war so intensiv wie nie zuvor und einige der Ungors konnten nicht anders als sich unkontrolliert an Ort und Stelle erleichtern. Blitzartig riss einer der kleineren Behuften seinen Arm in die Höhe und deutete in die Richtung, in welche sie alle noch vor wenigen Momenten gespäht haben mochten. Ghorhok funkelte den schmächtigen Behuften an, dann ließ er seinen Blick dem Fingerzeig folgen. Der Wald endete unweit vor ihnen in einer Lichtung und nun vernahm er auch den Geruch nach verbranntem Holz wieder ganz deutlich. Seine ramponierte Stirn legte sich in tiefe Falten, sodass eine der unzähligen Nähte auf seiner rechten Gesichtshälfte aufplatzte und einen kleinen Tropfen hellroten Blutes hervorbrachte. Ghorhok bemerkte nichts davon und spähte konzentriert, in aufrechter Position durch seine gelb leuchtenden Bocksaugen, über das Dickicht hinweg, hinaus auf die kahle Waldschneise.

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    • Kapitel 164 - Das große Spiel


      Ghorhok gab sich Mühe den beinahe alles überlagernden Angstgeruch der kleineren Bestien auszublenden und dann erschnupperte er auch wieder jene Eindrücke, die seine Alarmglocken ursprünglich hatten läuten lassen. Es war das Stechen von Qualm und verbranntem Holz, das ihn aus seinen Gedanken gerissen hatte und dessen Ursprung eindeutig vor ihnen auf der Lichtung zu finden sein musste. Der massige Gor stapfte bedächtig vorwärts, Äste und Farnwedel mit dem Blatt seiner Axt beiseiteschiebend. Dann sah er es.

      Vor ihm auf der Lichtung ragten die Überreste einer Siedlung aus dem, über und über mit Asche und Geröll bedeckten, Boden. Hier und da fanden sich die steinernen Grundmauern ehemaliger Gebäude und man konnte erkennen, wo die Palisaden verlaufen waren, die den Ort einst umgeben haben mussten. Es war keine kleine Ortschaft und doch hatte etwas sie restlos dem Erdboden gleichgemacht. Ein paar seiner Krieger und auch die Späher traten nun hinter ihrem Herrn an die Lichtung heran. Einer von ihnen brach schließlich das Schweigen indem er anmerkte, dass der Überfall wohl schon etwa drei Tage her sein mochte. Ghorhok schwieg, teilte aber die Meinung des Fährtenlesers. Die Asche war kalt, ihr Duft nur schwach. Stärker noch war die Verwesung, deren süßlicher Duft vom Wind zu ihnen herübergetragen wurde. Inmitten der Ruinen ragten vereinzelt Pfähle in die Höhe, wie Schilfrohre am Rande eines Teiches. An ihren Spitzen fanden sich sternförmige Runen oder ähnlich Ornamente, welche eindeutig den Dunklen Mächten gewidmet waren. Andere trugen die Überreste verkohlter oder vor sich hin faulender Leichen, an denen sich die Raben gütlich taten. Ghorhok schwieg einen langen Moment und genoss den Anblick der vielen kleinen Details von Zerstörung, Entweihung und Schändung. Die Lichtung machte auf ihn den Eindruck eines umfassenden, grotesken Kunstwerkes; etwas das keiner Worte bedurfte und einfach wunder-, wunderschön war.

      In den darauffolgenden Stunden stießen weitere Späher zu ihnen und berichteten ebenfalls von verwüsteten Ortschaften auf dem Weg nach Norden. Ghorhok kämpfte damit seinen Ingrimm im Zaum zu halten und schickte die Ungors augenblicklich aus, um Wild zu jagen. Wenn die Herde ihr Futter nicht in Form von Menschenfleisch und Beute bekommen sollte, so musste doch wenigstens die nächstbeste Lösung für den aufkommenden Hunger gefunden werden. Um die vereinten Stämme nun aber zusammenzuhalten und zu verhindern, dass sie sich in Ermangelung von wehrhaften Opfern gegenseitig dezimierten, musste er zurückkehren und den Rat der Schamanen einholen. Wortlos und in sich gekehrt trat er den Rückweg an. Seine Krieger warfen sich gegenseitig vorsichtig fragende Blicke aus gesenkten Häuptern zu, bevor sie sich ihm anschlossen.

      Wie mehrere Spähtrupps unabhängig voneinander bestätigen sollten, schien die gesamte Region nördlich des Herdenlagers von einer Vielzahl marodierender Kriegsbanden heimgesucht worden zu sein. Unter den Spuren fanden sich Abdrücke von Hufen, Stiefeln, Panzerschuhen, Klauen und vielem anderen mehr. Innerhalb des Ältestenrates würde man sich später schnell einig sein, dass es sich um einen Einfall von Horden aus dem Norden handeln müsse. Weniger sicher wären sie sich darüber, warum eine solche Invasion ihnen nicht während ihres jüngsten Kontaktes zu den Mächten des Warps angekündigt worden war. Hatten die Dunklen Mächte bedenken, dass die Herde sich von ihrer Mission ablenken lassen könnte? Befürchteten sie eine erneute Spaltung? Oder war gar eines der unzähligen großen Spiele im Gange, in dem sich die Mächte gegenseitig zu dominieren versuchten und sie – ihre Kinder – wie Figuren auf den Schlachtfeldern der Welt umherschoben? Letzteres mochte am wahrscheinlichsten sein und man beschloss, die Wege der Jenseitigen nicht weiter in Frage zu stellen. Die Herde würde die ihnen übertragene Aufgabe unter dem Banner ihres Herrn weiterverfolgen und der Rat stünde dafür ein, dass der Wille der Dunklen Mächte im Sinne der Prophezeiungen erfüllt werden würde.

      Morrslieb hatte kürzlich seine Wende hinter sich gebracht und strahlte nun wieder jede Nacht größer und grüner am Himmel über den uralten Wäldern. Die Berührung seines kränklichen Lichtes weckte Instinkte und der Blick in sein bleiches Antlitz schenkte den Wahnsinn. Große Veränderungen gingen vor sich, darüber waren sich Shargah und Brak, trotz der Distanz, welche zwischen ihnen lag, beim Betrachten des Nachthimmels einig.

      "Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen." - F. Nietzsche