Es ist Mittwoch und somit Zeit für einen weiteren Teil dieser Geschichte. Leider sieht es mit den Lesern ja eher mau aus. Im Durchschnitt so 10-12 Klicks pro Post.
Aber über alle die treu zu mir stehen freue ich mich besonders
Kapitel 10
Lange wanderten sie auf den Wegen, welche die Herrin ihnen gewiesen, als schließlich Gui unvermittelt hervorstieß:
„Dort ist es. Von der Handelsstraße hinauf über den bewaldeten Bergkamm führt ein kleiner Pfad. Hier sollen wir uns niederlassen und das reisende Volk bewirten. In der Zeit aber, da die Gäste ausbleiben, wird es unsere Pflicht sein, der Herrin dienstbar zu folgen.“
„Mit was sollen wir denn den Gästen aufwarten, so mitten im Wald?“
„Jagen wird der, welcher einst noch kommt. Beeren findet man im Wald. Getreide und Hopfen gibt es in den umliegenden Tälern zu Hauf, nur mit den Bauern muss man sich gut stellen.“
„Dann werden wir sie auch gleich um Werkzeug angehen dürfen, ein Haus baut sich schließlich nicht von alleine.“
„Oh, das ist nicht nötig. Bevor ich auszog dich zu finden, wies die Herrin mich an, in einem verlassenen Fuchsbau einen Vorrat anzulegen. Werkzeug und Nahrung ist fürs erste vorhanden.“
„Die Weisheit der Herrin ist grenzenlos.“
Da schmunzelte Gui.
„So ist es, mein Bruder. Doch ihre Wege bleiben uns unergründlich.“
Es sollte sich recht schnell herausstellen, dass eine Verständigung mit den örtlichen Bauern auf gewisse Hindernisse stoßen würde, die sowohl Hugo als auch Gui nicht vorauszusehen vermocht hatten. Zwar zog sie das plötzliche Klopfen und Hämmern im Wald an wie das Kerzenlicht die Motte, doch blieben sie scheu wie Waldtiere in einiger Entfernung, liefen gar davon, falls Hugo oder Gui sich ihnen zu nähern versuchten. Wenn sie auch tatenlos blieben, behinderten sie den Bau in eben solcher Weise, als dass die Bemühungen einen von ihnen zu fassen zu bekommen, die Arbeiten jedes mal bedeutend unterbrachen. Einmal hatte Hugo einen Jüngling, welcher seiner Neugier erlegen und zu nah herangeschlichen war zu fassen bekommen, jedoch schrie jener so markerschütternd auf, dass Hugo ihn voll Schreck wieder frei ließ, ohne ihm auch nur die unbedeutendste Auskunft abgerungen zu haben. Dies hatte lediglich zur Folge, dass die Bauern noch vorsichtiger, ja geradezu listiger in ihrer Vorgehensweise geworden waren. Einmal, als die Nacht bereits ihre Fittiche spannte, war im Unterholz plötzlich ein sagenhafter Lärm losgebrochen. Hugo und Gui, welche befürchteten einer der Bauern könnte von einem wilden Tier angefallen worden sein, liefen sofort in die Richtung des größten Getöses. Sie hetzten voran, bis sie sich schließlich eingestehen mussten, dass sie sich aussichtslos verlaufen hatten. Verärgert kauerten sie sich in ihre Mäntel, um mit den ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages den Rückweg anzutreten.
Außer ein paar Bissspuren im Schinken, waren ihre Habseligkeiten jedoch nicht angerührt worden. Es erweckte den Anschein, als habe man wenig interessantes, gar gefährliches finden können, denn in der Tat schien Letzteres der eigentliche Grund ihrer – wie Hugo und Gui bald erkannt hatten – Bewachung gewesen zu sein. Waren es bisher vor allem Männer gewesen, die die Bewachung übernommen hatten, so kamen jetzt oftmals Kinder und Frauen. Auch setzten sie sich nun oft einen Steinwurf entfernt ins weiche Moos, tuschelten und versuchten mit kindlicher Neugier keinen noch so uninteressanten Vorgang zu verpassen.
Hugo und Gui hatten unterdessen einige Fortschritte im Bau ihrer Waldspelunke erzielt. Das Fundament, welches sie aus kleineren Felsbrocken, die sie im Kiesbett eines nahen Gebirgsbaches gefunden und gestampftem Lehm geformt hatten, krönte ein aus grob behauenen Holzbalken bestehendes Wandgerippe. Der Schankraum war mit Abstand der größte und direkt durch eine schwere Eichentür an seiner Längsseite zu betreten. Gegenüber dieser Tür befanden sich drei weitere Türen, welche in die Gastkojen führten. Diese schmalen Zimmer sollten einst dem erschöpften Reisenden mit ihren Holzpritschen und einem Berg Stroh eine leidliche, wenn auch kaum bequeme Rast ermöglichen. Links des Eingangs befand sich die Theke, hinter welcher sich in einer etwa zwei auf zwei Meter großen Nische eine Leiter hinab in ein provisorisch ausgehobenes Gewölbe, zur Lagerung der Lebensmittel, befand. Vis-à-vis jener Theke war ein Raum, in dem Hugo und Gui selbst zu wohnen gedachten. Auch führte von hier eine Treppe in den noch fehlenden Dachstuhl.
Als nun auch das Dach endlich mit Brettern gedeckt, also die Arbeit vorerst zu einem Ende gekommen zu sein schien, fielen Hugo und Gui sich lachend in die Arme, betranken sich hemmungslos bis tief in die Nacht, grölten, sangen, sodass es niemandem im Umkreis mehrerer Meilen verborgen bleiben konnte. Als sie am nächsten Morgen erst spät erwachten, die Sonne stand schon beinahe im Zenit, da staunten sie nicht wenig. Um sie herum saßen einige Bauern auf geknüpften Decken, manche rauchten, andere unterhielten sich lebhaft, alle waren sie jedoch sichtlich bester Laune. Einer jedoch, es war ein weißhaariger, buckliger Kreis in erdgrauer Kutte, starrte ihnen geradewegs in die Augen, ohne auch nur einmal seinen Blick von ihnen zu wenden. In der Hand hielt er einen knotigen Eichenstab. Als sich seine aufgeplatzten, faltenumrankten Lippen schwerfällig in Bewegung setzten und seiner brüchigen Stimme zu ihrem Recht verhalfen, verstummten plötzlich alle, sei es aus Ehrfurcht, sei es aus reiner Neugierde.
„Fremde, hört meine Worte. Man nennt mich Aron den Seher. Eure Namen sind mir bekannt, denn regelmäßig befragte ich das Orakel am Tümpel. Seht, lange lebten wir abgeschieden von den Wogen der Zeit, friedlich und sorglos, doch dies ist nun vorbei. Ihr seid die ersten Boten der neuen Ära. Aus dem Schatten dieser Wälder werdet ihr unsere bescheidenen Dörfer führen, Ruhm und Ehre werdet ihr in unserem Namen erlangen. Man wird kommen, unser sorgloses Leben zu teilen, doch mit dem Ruhm wächst auch die Missgunst, dem Reichtum folgt wie kein Zweiter der Neid. Das Böse wirft seine dunklen Schatten voraus. Doch gibt es noch Hoffnung.“
Lange, als wolle er sich der Wirkung seiner Worte vergewissern, hielt er inne, warf seinen Blick abwechselnd auf Hugo, dann wieder auf Gui, ehe er weiter sprach.
„Seht, die Herrin hat zu mir gesprochen. Sie befahl mir euch alle Hilfe, die ich in meiner Kläglichkeit aufzubringen im Stande bin, zukommen zu lassen.“
Hugo beugte sein Haupt, auf welchem ein mittlerweile beträchtlicher Bart gewachsen war, dann entgegnete er:
„Eure Großherzigkeit ehrt euch, werter Seher. Die Weitsicht, ja die Klarheit mit der ihr die Dinge vor uns hingebreitet habt, versetzt mich in aufrichtiges Erstaunen. Doch blieb eine Frage ohne Antwort. Wie gedenkt ihr uns unter die Arme zu greifen?“
Da erhob sich der alte Mann und auf sein Zeichen hin wurden mehrere Wagen, beladen mit Riedschilf herangeschoben.
„Diese Männer stehen zu eurer Verfügung. Kundige Handwerker, kräftige Burschen. Baut was ihr bauen müsst, dann lehrt sie euer Handwerk, denn in den Untiefen unserer dunklen Zukunft lauert nichts als Krieg und Tod.“
Daraufhin wandte er sich ab.
Tagelang schufteten sie. Das Dach dichteten sie mit Schilf ab, im Gastraum errichteten sie einen offenen Kamin. Den Keller trieben sie wie einen Stollen viele Meter in die Erde. Vor dem Haus rodeten sie Bäume, rissen Strunk um Strunk aus dem Erdreich, dann planierten sie alles, legten Entwässerungsgräben an, schütteten Kies auf und gruben unweit der Herberge einen Brunnen. Gegenüber des Gasthauses entstand eine Scheune samt Stallungen sowie eine Hütte für Brennholz. Zu guter Letzt umfriedete man alles mit einer schulterhohen Mauer aus Lehm und Steinen, die nur an der Stelle an welcher der Weg in den Hof mündete von einem hölzernen Tor durchbrochen war, dieses wiederum von einem Hochstand direkt hinter der Ringmauer bewacht wurde. Den einstigen kleinen Pfad hatte man natürlich verbreitern müssen, um auch den Händlerkutschen die Zufahrt zu ermöglichen. Auch hatte man den Dachstuhl des Gasthauses angehoben, um den Raum als Quartier für die Bauernsöhne nutzbar zu machen. Als nun die Arbeit getan war, feierte man gerade das Erntefest in den umliegenden Dörfern. Hugo entschied nun, dass Gui sowie er selbst im Gasthof zurückbleiben, den Handwerkern jedoch ein freier Tag gewährt werden sollte. Abends, Hugo und Gui saßen gerade bei einem Krug Bier, pochte plötzlich jemand an die Tür. Gui erhob sich ächzend, um nachzusehen, wer zu solch später Stunde noch Eintritt verlangte.
„Vielleicht haben wir heute unsere ersten Gäste.“
„Gäste? Wie sollten sie uns gefunden haben, da kein Schild uns an der Straße anzeigt?“
„Hm,“ brummte da Gui und schob den Riegel zurück.
Vor ihm stand ein gutes Dutzend in lange Mäntel vermummte Gestalten, bewaffnet mit Dolch und Bogen. Die Kapuzen hatten sie weit in die Stirn gezogen. Da trat einer der Männer vor, striff seine Kapuze in den Nacken und sprach:
„Bonsoir, meine Herren.“ Dabei verneigte er sich leicht, „mein Name ist Bertrand, Bertrand le Brigant.“