Türchen 21
Commissioner Shabbid hasste die Feiertage...
...und obwohl Hass für einen infernalischen Chaoszwerg erstmal ein absolut gesundes Gefühl war, fühlte es sich in Bezug auf die Glutnacht vollkommen falsch an. Diese Nacht war das höchste Fest im Ziggurat und all das Verbrennen, Entflammen, Einäschern, Ausbrennen, Brandschatzen, Zündeln, Versengen und Abfackeln war ein tief kontemplatives Ritual der infernalischen Zwerge, das sie jedes Jahr wieder an die hasserfüllte Wurzel ihrer Existenz zurück führte.
Aber für Commisioner Shabbid war es vor allem ein Datum des Versagens. Jede Glutnacht hatte einen Karriereknick für ihn bedeutet. Er war vom Grenzschutz (aaaah, die Gewalt) zum Werkschutz (mmmmmh, die Paragrafen) schließlich zur Werkstattleitung (igitt, der Schmutz) degradiert worden. Werkstattleitung! Er grunzte und hob seinen massigen Halb-Zwerg-Halb-Stier-Körper auf die Beine. Das war einem gesalbten Tauruk nicht würdig! Mit düsteren Gedanken wartete Commissioner Shabbid in seiner Kammer auf Nachricht vom Overlord. Eine Nachricht, die wieder alles ändern könnte.
Alles war perfekt vorbereitet. Die Mannschaft wartete mit der Höllenmaschine auf dem Dach des Ziggurats. Die Sklaven hatten ihm sein edelstes Gold-Ornat angelegt. Der Overlord würde stinksauer sein, wenn Shabbid ihn mit seiner Anfrage aus seinen Festtagsaktivitäten riss - ja, es war ein Hochrisiko- Manöver, aber genug war genug! Ein gesalbter Tauruk gab niemals auf!
Als schließlich die Nachricht kam, trabte Commisioner Shabbid los. Er nahm den Weg durch die Kasematten, um nochmal einen Blick auf das Ziel zu werfen. An einer Schießscharte blickte er hinaus auf die nächtliche Verwüstete Ebene. Das avrasische Belagerungsheer hatte außerhalb der Reichweite der infernalischen Kanonen sein Lager aufgeschlagen. Man konnte sogar die vielen kleinen Lagerfeuer erkennen, an denen sich jetzt wahrscheinlich die avrasischen Krieger die Hände wärmten. Shabbid grunzte erneut auf und galoppierte die vielen Stufen zum nächtlichen Dach des Ziggurats hinauf.
Ah, wie er vermutet hatte! Der Overlord samt Gefolge war zu früh - nur um Shabbid anzukreiden, dass er zu spät gekommen war. Aber er kannte seinen Gebieter und war gerade noch rechtzeitig da, um die Gruppe in Empfang zu nehmen. Im Augenwinkel sah er die leuchtende Höllenmaschine samt Besatzung bereit an den Zinnen des Ziggurat-Dachs stehen. Alles lief nach Plan, freute sich Shabbid.
Bis sich aus der Entourage des Overlords eine kleine, widerwärtige und abstoßende Gestalt mit breitem Grinsen pellte: Vizier Farogg, die rechte Hand des Overlords. Ein kleinlicher, unsympathischer, intriganter, verräterischer, unbarmherziger Technokrat. Kurz, einer der bewundernswertesten infernalischen Zwerge im Ziggurat. Shabbid sank das Herz in die Hose (auch wenn er keine echte um seinen Stierhintern trug). Das war der finale Sargnagel für Shabbids Karriere.
Trotzdem schob Shabbid seine Brust nach vorne und ignorierte diese Bedrohung ... erstmal. Er wandte sich an den Overlord und ging mit seinen vier Läufen ein wenig in die Knie:
„Overlord, mein schrecklicher Gebieter, ich danke Euch für Euer Kommen! Ich weiß, es ist Glutnacht und ihr habt sicherlich…“
„Und trotzdem bestellt ihr ihn auf dieses kalte Dach, mitten in der Nacht?“ keifte Vizier Farogg und schob sich zwischen Shabbid und den Overlord. „Wider eures besseren Wissens?! Es wurden schon manche für weniger..“
“GENUG!“ brüllte der Overlord. „Was gibt es, Commisioner Shabbid?!“ Er fuchtelte erregt in Richtung des Heerlagers vor der Mauer. „Ich muss mich um das avrasische Heer dort unten kümmern!“
„Genau das ist der Grund unseres Zusammentreffens, mein tyrannischer Gebieter. Folgt mir doch bitte zu der neuesten Errungenschaft aus Werkstatt 313B Schrägstrich CCB“, lächelte Shabbid und führte die Gruppe zu der Höllenmaschine, deren Besatzung schon genervt wartete.
Er legte sanft die Hand auf die Höllenmaschine und holte tief Luft:
„Das ist die Lösung für unser avrasisches Problemchen dort unten. Titan-Mörser der Weltenbrand-Klasse, Kataklysmus-Kaliber Plus mit Kadim-Dämonen-Kammer, ein…“
„…unrechtmäßig abgestelltes Artillerie-Objekt auf ziviler Nutzfläche!“ mahnte Vizier Farogg mit erhobenem Ziegefinger. „Ich sehe hier auf den ersten Blick so viele Unwidrigkeiten, dass einem schwindlig wird!“
„Gewiss, aber heben wir uns das für später auf, Vizier“, stoppte der Overlord den eifrigen Vorsteher. „ Sie waren gerade bei Dämonen-Kammer stehen geblieben, Commisioner.“
„Ein revolutionäres Konzept! Ein gebundener Kadim-Dämon der Höllenstufe 3, der die maligne Energie aus der Lebend-Munition extrahiert und…“
„Schön und gut, Commisioner”, unterbrach ihn Vizier Farogg, der gerade die Front der Höllenmaschine inspizierte. „Aber diese Frontal-Aufprall-Spitzen sind eine Handbreit zu lang! Das gibt den ersten Verweis!“
Der Overlord überging ihn:
„Lebend-Munition, klingt sehr interessant! Fahrt fort!“
Shabbid schlenderte zum Heck der Höllenmaschine und präsentierte die blutige Schlachtbank: „Auf der rituellen Devotionalbank werden Delinquenten, Verräter, Schwächlinge und so weiter für den Ladevorgang durch einen Munitionszerteilungs-Experten vorbereitet.“
Der Schlächter hinter der Bank wischte sich einmal mit der Hand über das blutverschmierte Gesicht und lächelte grimmig.
Der Overlord war angetan: „Sehr inspirierend, Shabbid. Lebend-Munition ist wahrlich eine neue…“
„Kein Geländer an der Leiter zur Plattform! Eintrag!“ quiekte der Vizier aufgeregt und wies auf die Plattform, die über die Dämonenkammer führte. Der Overlord grummelte so verärgert, dass sich allen infernalischen Zwerge im Umkreis die Nackenhaare aufstellten. Den Overlord zu unterbrechen war gefährlich, selbst für seine rechte Hand. Der Vizier wurde unvorsichtig. Das war gut.
„Über die angesprochene Plattform wird der Dämon gefüttert. Die maligne Energie wird extrahiert und vorgehalten, bis nun ja…“ lächelte Shabbid und blickte zum avrasischen Lager unten in der Ebene.
Der Overlord war entzückt und klatschte in die Hände: „Hervorragend! Wo ist mein Weitsicht-Glas?!“
Der Vizier kochte. Verzweifelt suchte er mit hochrotem Kopf nach Unregelmässigkeiten an der Höllenmaschine.
“Vizier, möchtet ihr gerne die Arbeitsschutz-Konformität des Ladeprozesses überwachen?“ lächelte Shabbid.
„Das hatte ich sowieso vor, hmpf!“ brummte dieser und kletterte auf die Plattform.
„Wenn ich euer Exzellenz bitten darf, vorne an den Zinnen Platz zu nehmen und das Spektakel zu genießen…“ lächelte Shabbid und wies zu einem Stuhl an der Brüstung. Während der Overlord dorthin watschelte, wurde die Höllenmaschine angeworfen. Der Vizier musste sich kurz auf der Plattform festhalten, als alles vibrierte und zischte. Der Dämon war wach und noch hungrig.
Na, dann füttern wir ihn doch, dachte Shabbid lächelnd. Overlord und Entourage standen mit Rücken zu ihnen und so gab Shabbid der Fütterungsplattform einen beherzten Stoß mit seinem mächtigen Stierhintern. Und der Vizier? Fiel vorn über in die Höllenmaschine. Ein kurzer Schrei, ein lautes Aufbrausen in der Dämonenkammer und noch lauteres Vibrieren.
Der Overlord drehte sich um: „Was war das?!“ schrie er gegen den Krach an.
„Maximale Malignität in der Dämonenkammer!“ lachte Shabbid zurück und deutete dem Maschinisten zu feuern.
Die Höllenmaschine erbebte und war kurz davor zu zerbersten. Einen Moment blieb die Zeit stehen. Dann folgte ein 1000-sonnen-heller Lichtblitz, der die gesamte Luft auflud und in einer nie da gewesenen Energie-Entladung einen gewaltigen, hell leuchtenden Ball aus bösartigstem Ektoplasma in den Himmel schoss. Allen infernalischen Zwergen standen durch die Entladung die Barthaare kraus vom Kinn ab, als sie dem gewaltigen Ball zusahen, wie er in einer perfekten Ellipse emporstieg.
„Oooooooh….“ staunten die infernalischen Zwerge auf dem Zigguratdach gemeinsam. Dann ging der Ball langsam aber sicher auf das avrasische Heereslager nieder.
Die helle Explosion war so gewaltig, dass sie wie in Zeitlupe geschah. Als sich der Staub legte, war die Hälfte des gesamten Heerlagers vollkommen zerfetzt. Wilde Elmsfeuer aus greller, bösartiger Energie jagten durch die andere Hälfte des Lagers und versengten Mensch, Tier und Material in einem schauderhaften Tanz.
Der Overlord drehte sich zu Shabbid um und wischte sich eine Träne aus dem Auge. „Das ist das schönste Geschenk, dass mir jemand an Glutnacht…“ Dann fiel dieser kurze Anflug von Rührseligkeit von ihm ab und er schnaubte verärgert: „Wo ist mein Vizier?! Wie kann er diesen majestätischen Moment verpassen!“
„Hat wohl besseres zu tun…“ zuckte Shabbid mit den Schultern und linste zu den Elmsfeuern im Heerlager hinunter.
„Hiermit ist Farogg degradiert! Ab zum Zählwesen mit ihm - Abteilung Erbsen und Bohnen!“ schrie der Overlord aufgeregt. „Commisioner Shabbid! Ab jetzt Vizier Shabbid. An meine rechte Seite!“
Und als Shabbid in dieser Glutnacht unsanft seinen massigen Stierkörper in das Gefolge des Overlords drängte, kam ein Gefühl in ihm hoch, das er noch nicht kannte. Es eroberte seine Brust und ließ ihn fast zerbersten. War das etwa Glück?
„Wie lautet der Name dieser fabulösen Höllenmaschine?“ wollte der Overlord wissen. Shabbid blinzelte zum Overlord hinüber. Mit der richtigen Lebend-Munition konnte diese Maschine die ganze Welt zerstören. Er lachte den Overlord wissend an und stellte ihn sich als nächstes Geschoss vor.
„Die ‘Ende der Welt’, Euer Gnaden.“
Nein, das neue Gefühl war kein Glück. Es war ein reiner, bösartiger Hunger nach Macht. Shabbid sah sich diesen mickrigen Overlord an und blinzelte siegesgewiss in den nächtlichen, glühenden Himmel. Genauer betrachtet liebte er die Glutnacht. Sehr sogar.