Da ihr diese Woche leider auf einen neuen Teil der Ritterschaft verzichten müsst, gibt es als Ersatz eine Geschichte von mir, mit der ich am letzten GW-Geschichtenwettbewerb teilgenommen habe. Da sie sich als etwas tief im Fluff verankert erwießen hat, gibts im zweiten Post eine Interpretationshilfe mit dazu. Ich würde mich über eure eigenen Interpretationen allerdings noch mehr freuen. Überspringt dann einfach den zweiten Post und antwortet gleich auf den ersten. Viel Spaß beim Lesen!
Gegen Ende des Jahres 1338 nach bretonischer Zeitrechnung, schreibt der Oberchronist von Brionne, Albert Moustache, folgende Zeilen in den herzoglichen Geschichtsbüchern nieder:
„26. Mitterfruhl, Anno 1338; Bei der Stadtwache am Südtor wird ein Mann auffällig. Alle Vegetation um ihn herum ist in plötzlich eintretendem, rasantem Wachstum begriffen. Als man ihm den Weg vertritt, wirft der Vermummte seine Kapuze in den Nacken. Er ist unglaublich alt, bricht auf der Stelle zusammen und ist tot. Seine Herkunft bleibt ungeklärt. Bei sich trägt er einen seltsam pulsierenden Stein.“
Laut prasselt der Regen auf das schwarz-graue Pflaster, macht es glänzend und nass. Der Mond steht mal voll und fahl am Himmel, mal bleibt er, hinter einem quellenden Wolkengeschwür verhangen, unsichtbar. Windböen ergreifen das herbstliche Geäst, es dröhnt und knarrt, birst und bricht. Es ist schneidend kalt. Die wenigen Handwerker und Bauern des Städtchens, die mir begegnen, sind bis über die Nase in Pelze und Jacken gehüllt. Wie aus weiter Ferne scheint das metallische Klacken der beschlagenen Hufe meines Rappen. Durchnässt und schwer hängt der Reisemantel um meine Schultern, die Kapuze trage ich weit ins Gesicht gezogen. Ununterbrochen sickert Wasser in die Rüstung, sodass sich das Untergewand an den Körper saugt. Es ist ein sonderbarer Ort. Zwar prangt in allen Giebeln bretonisches Zierrat, auch schmückt die Lilie einen jeden Fenstersims, doch haben die Häuser die aller ungewöhnlichsten Ausmaße. Die Türen sind wie riesige Kleiderschränke, die hölzernen Baracken erinnern an Galeonen, wie ich sie zwischen den Kais von Brionne zu Hauf gesehen habe. Gelassen ruhen sie am Hang, den Rumpf emporgerichtet, als wären sie dazu verdammt, ein Leben lang das vor ihnen liegende Tal zu belauern.
Gerade als ich einen großen, länglich gezogenen Platz erreiche, kommt mir eine Rotte buckliger, mit Speeren bewaffneter Bauerntölpel entgegen. Ihre ledernen Rüstungen hängen in Fetzen. Mit zerschrundenen Füßen watscheln sie durch den Unrat, den ein kleines Bächlein angeschwemmt hat. Pocken und Geschwüre platzen aus ihren Leibern. Zwei von ihnen haben sich Laternen an ihre Stoffkappen gebunden, die Kerzen der anderen sind längst erloschen.
„Platz da,“ knurre ich. Geduckt entweichen sie.
Aus einem Wirtshaus dringt Gelächter. Was auffällt; es gibt keine Ritter. Einen Reiter, geschweige denn einen Gaul, habe ich hier noch keinen gesehen. Langsam gleite ich aus dem Sattel. Es stinkt nach Wein, faulem Stroh und Urin. Nur mühsam dringt das Licht durch die verschmierten Scheiben der Schänke. Ratten schwimmen im Abwasserkanal, hieven ihre aufgedunsenen Wänste über Haufen aus Schimmel und Scheiße. Mit einem lauten Knarzen schiebt jemand die Türe des Wirtshauses auf. Eine grauhaarige, fette Frau schlurft gebeugt heraus. Sie trägt eine fleckige Schürze, um den Kopf hat sie ein ausgefranstes Tuch gebunden. Ein Haarbüschel hängt ihr im schiefen Mund. Als sie mich sieht, grunzt sie leise, dann rafft sie ihren Rock bis zum Gesäß, steigt in die Kanalrinne, geht in die Hocke und scheißt. Bis zu den Knöcheln versinkt sie im Morast.
„Bursche! Wo ist denn hier der verdammte Stallbursche?“
Die Alte zuckt zusammen und als der zahnlose Stallknecht kommt, ramme ich ihm erst einmal meine gepanzerte Faust in die Brust. „Ist das die Art, wie man einem Ritter aufwartet? Gottloser Dreckslümmel, dir werd' ich's zeigen. Mit der Reitgerte werd' ich dir Beine machen, du Lump.“
Da wirft er sich mir zu Füßen, wimmert und zittert, fleht um Gnade. Diese hündische Unterwürfigkeit! Doch will ich mich nicht länger als nötig mit dieser laufenden Läuseschleuder abgeben, also schicke ich ihn weg, mein Pferd in den Stall zu führen.
Erst im Nachhinein finde ich etwas Verblüfftes in seinem Blick. Auch die fette Frau forscht aus ihren Augenwinkeln nach mir. Ich scheine ihnen ebenso wenig geheuer wie sie mir. Was sich dieser Abschaum alles einbildet! Steht es etwa dem Ochsen zu, eine Meinung zu haben von seinem Herrn? Er hat gefälligst zu ertragen! Denken ist die Wiege der Revolte. Man sollte es ihnen verbieten. Auf jeden Fall werde ich den nächsten Widerspenstigen erst einmal ordentlich verdreschen. Meine Finger sind klamm. Ich drücke die Tür zur Wirtsstube auf.
Dichte Rauchschwaden vernebeln mir die Sicht, eine Wand aus Wärme prallt gegen mich, ertränkt mich in ihrer Wohligkeit. Stimmen - wirr, guttural, heiter. Auch hier drinnen stinkt es nach Wein, Schimmel, Erbrochenem und Exkrementen. Der Rauch brennt mir in den Augen, sie tränen und ich reibe sie mit dem Ärmel. Hinter der Theke, welche die Stirnseite des Raumes einnimmt, wischt der dicke Schankwirt gerade Kelche mit seinem versauten Kittel aus.
Hinter ihm füllt ein zierliches Mädchen Wein – es ist billiger Château de Brionne – in Zinnbecher. Auf ihrer schwitzigen, glänzenden Haut tummeln sich Schweißperlen, die ihr langsam in den tiefen Ausschnitt laufen. Ihr blondes, welliges Haar klebt feucht und ungewaschen an ihren Wangen. Eine Corsage umfasst ihre schlanke Taille, der beige Rock wirft dunkle Falten. Lebhaft hebt und senkt sich ihre magere Brust.
Doch: „Bei der Herrin.“ Blitzschnell habe ich das Schwert aus der Scheide. Jäh ersticken die Gespräche. Alle Blicke sind auf mich gerichtet. Was sehen meine Augen da? Welch widernatürlichen Ausgeburten? Welche dunkle Macht mag hier ihre Finger im Spiel haben? Der erwartete Angriff aber, er bleibt aus. Sie sitzen nur da und starren mich an. Sitzen auf ihren Schemeln und gaffen. Pferde, Hengste und Stuten in Mannskleidern und Röcken, laufen auf zwei Beinen, saufen brionner Rotburgunder, spielen Karten und unterhalten sich, als wären sie von Rang und Namen. Gerade als die eingetretene Pause für alle Beteiligten unangenehm zu werden beginnt, erhebt sich ein besonders stattlich gekleideter Hengst. Seine Mähne ist fein säuberlich gescheitelt, um die Schultern trägt der Braunschimmel einen wallenden Umhang. Sein Waffenrock ist mit etlichen Lilien bestickt, auch lederne Beinkleider lässt er sich stehen. Gutmütig ist sein Ausdruck, als er sich mir nähert. Sein Äußeres ist gepflegt und auch seine Ausdrucksweise entspricht den Gepflogenheiten, wie sie eines Ritters von Bretonia geziemen.
„Werter Herr,“ so spricht er etwas nasal und sichtlich bemüht, „werter Herr. Ich appelliere an Ihre Vernunft. So lassen sie doch von ihrem rabiaten Anliegen ab. Es liegt doch nicht im Mindesten ein Grund vor, sich in Harnisch zu jagen.“
„Kein Grund? Ich bitte Sie. Was wären das für Zeiten, wo Rosse den großen Herren spielen und der Mensch gleich Gewürm im Unrat kriecht?“
„Aber wer wird denn so etwas Abwegiges verlangen? Nicht auf die Rasse, auf die Gesinnung kommt es an. Lassen Sie Ihren Blick schweifen, ehe Sie urteilen. Sie befinden sich in allerbester Gesellschaft. Erlauchte Herrn und Damen, sittlich und edel, gebärden sich in unseres Landes Manieren, trotz Schweif und Huf. En contraire hat das Verhalten Ihrer Gattungsgenossen etwas Widerwärtiges, ja geradezu Viehisches. Sie suhlen sich im Dreck und ihre Sprache ist mehr ein Grunzen und Gurgeln. Das müssen Sie ja wohl zugeben, dass es eine Sünde und ein Frevel wäre, einen Geist, so erhaben wie den meinen und den meiner Brüder, vor die Pflugschar solch eines Individuums zu spannen.“
„Nun ja...“
„Ei, der Hochmütige! Was denkt er denn? Was wäre denn der Unterschied zwischen Mann und Ross, wenn nicht die Sprache und die Gesinnung? Scheidet nicht der Geist, das Wissen und die Weisheit den Knecht vom Herrn?“
„Beim Barte des Königs Jules, mir scheint, Ihr seid ein Philosoph.“
Da nimmt er mich in den Arm. Er zieht mich an seinen Tisch, bestellt mir Château de Brionne und wir prosten uns zu. Lange lausche ich seinen tiefsinnigen Erörterungen. Ich staune über seine sprachliche Gewandtheit. Wie er Bescheid weiß in der Welt. Er redet vom Seehandel, den Häfen von Brionne und L'Anguille, der Seefahrt im Allgemeinen, den Seuchen unter dem Bauernvolk und deren Verdienste um die Tugendlosigkeiten dieser Welt. Seine Worte quellen hervor wie ein unaufhaltsamer Strom, er bläht die Nüstern und immer, wenn er vom Pöbel spricht, verfällt er in einen tiefen Groll. Schließlich unterbricht er sich in seiner Litanei und wir gehen in den Hinterhof des Gebäudes. Jeder für sich betreten wir ein Abort. Selbst in Bretonia ist das Plumpsklo lediglich den Wohlhabenden vorbehalten, was als deutliches Indiz für die Reinlichkeit dieser eigenartigen Hufmenschen zu werten ist. Selbst ein Adeliger könnte nicht umhin, dem mit Lob und Anerkennung zu begegnen. Gerade knöpfe ich meine Hose zu, trete hinaus in die nun sternenklare Nacht, da tönt von weit her der Kirchturmschlag – ich zähle die Stunden nicht. Als ich das Wirtshaus wieder betrete, traue ich meinen Augen kaum. Die Wände sind gewichen. Es duftet nach Moos und Tau. Ich stehe in einem Rankendom. Inmitten einer Lichtung tanzen die Pferde, Hengste und Stuten zur Lautenmusik. Irrlichter huschen zwischen den zuckenden Leibern umher. Eine ausgelassene Fröhlichkeit flutet mein Herz bei diesem sonderbaren Schauspiel. „Nur zu, Herr Ritter,“ fordert mich eine besonders anmutig tanzende Stute auf, „kommen Sie nur. Tanzen Sie doch mit uns.“ Sie hüpfen im Kreis, sittlich, ausgelassen und in ihrer Mitte wohnt das Licht. Immerzu flutet es aus einem goldenen Kelch. Mädchen knien auf der Wiese, flechten Blütenkränze, jauchzen, singen.
Da erblicke ich Schatten im Unterholz. Es ist die fette Alte, der bucklige Knecht, der Wirt und die Dirne. Stumm harren sie aus, beobachten die Szene. Ich gehe auf sie zu, ihr Makel zieht mich an. Langsam schwindet das tolle Treiben, die Wände kehren zurück. Dunkel und still ist es, kaum sehe ich die Hand vor Augen. Ich spüre wie sich meine Nackenhärchen aufrichten, meine Muskeln spannen sich an. Ich mache einen Schritt, die Diele knarrt ganz fürchterlich. Die Luft schmeckt warm, feucht und salzig. Langsam taste ich mich an der kalten Steinmauer entlang. Ein Glucksen und Raspeln dringt an mein Ohr. Ich ertaste einen Türstock. Es eröffnet sich meinen Augen ein kleiner Raum aus Stein. Aus einem Fenster weit oben dringt schwach Mondlicht herein, durchdringt die beklemmende Schwüle und fällt auf eine Frauengestalt. Nur wenige Schritte entfernt scheuert die Dirne mit ihrem verklebten Haar ihre Schürze auf einem Waschbrett. Im Zuber hat sie siedend heißes Wasser. Ich nähere mich ihr von hinten. Meine Schritte hallen im Gemäuer wieder, doch erst als sie meinen Atem an ihrem Hals spürt, hält sie inne. Ich sehe ihre Schlagader pulsieren, streiche durch ihr nasses Haar, küsse ihre salzige, entblößte Schulter. Grob packe ich sie am Schopf, reiße sie herum. Der Schweiß rinnt ihr in Strömen übers Gesicht. Ihre verschreckten, goldglühenden Augen glänzen feucht. Sind es Tränen? Hat sie Angst? Ich weiß es nicht. Ihr Schmerz, ihre Tugend erregen mich. Ich zerfetze ihr Mieder wie ein Berserker, knete ihre kleinen weißen Brüste, sie wehrt sich, ich dringe in sie ein, dann wird mir schwindlig. Ich sacke zu Boden. Gerade noch spüre ich, wie mich jemand an den Haaren aus dem Raum schleift, dann schwindet mein Bewusstsein.
Als ich erwache, brummt mir der Kopf. Ich liege in einer ausgetrockneten Pfütze aus Urin und Rotwein. Meine Gliedmaßen schmerzen. Fliegen surren um meinen Kopf. Hinter einem umgeworfenen Tisch richte ich mich auf. Noch immer stecke ich in meiner Rüstung, nur scheint sie Rost angesetzt zu haben. Mein Waffenrock ist besudelt, Wein, Fett, Exkremente, an manchen Stellen hat er Löcher. Gerade als ich aufstehe, huschen zwei Ratten an mir vorbei. Was ich sehe, erschüttert mich. Die Einrichtung ist ganz durcheinander gebracht. Stühle sind umgeworfen, Tische zerschlagen, Scheiben zu Bruch gegangen. Moder und Verwesung liegt in der Luft, Skelette von Pferden und Menschen am Boden verstreut. Bei jedem Schritt knacken Knochen, manche sind angenagt. An den Wänden finden sich Kratzspuren und eingetrocknete Blutspritzer. Langsam arbeite ich mich zur Theke vor. Die Tür zwischen den gestapelten Holzfässern ist angelehnt. Ich trete hindurch in einen dunklen Gang. Es ist stickig, die Granitblöcke zu beiden Seiten sind kalt und ölig. Ich wende mich rechts durch eine Öffnung. Auf einem hölzernen Bottich liegt ein Skelett. Um die Hüften bis zu den Waden trägt es den Rest eines mottenzerfressenen Kleides, das Mieder ist zerrissen. Dort wo einst ein Herz schlug, liegt eine kleine steinerne Figur. Ein glimmendes Licht scheint aus ihr hervor zu quellen. Es ist eine kniende Frau, die Hände zum Gebet vor der Brust gefaltet, das Gesicht schmerzverzerrt. Die Erkenntnis durchzuckt mich gleich einem Blitz. Ich nehme sie, wende mich ab, haste zurück. Die Tür ramme ich zur Seite. Im Freien angekommen verharre ich einen Moment und genieße die durchdringende Wärme des Sonnenlichtes. Alles ist still, nur im Geäst einer Buche jenseits des länglichen Platzes pfeift ein Spatz sein Lied. Auch ich pfeife. Der Knecht erscheint. Er ist buckliger geworden, alt und grau. „Mein Ross!“, befehle ich, doch er zuckt nur mit der Schulter und zeigt auf einen Knochenberg. Da reitet mich ein gewaltiger Dämon. Ich packe ihn am Kragen, doch er schüttelt nur traurig den Kopf, dann zerfällt er zu Staub. Mutlos mache ich mich auf den Weg. Plötzlich fühle ich mich alt. Mein Körper ist wie taub, nur in meiner Hand pulsiert lebhaft der Stein und alles um mich ist erfüllt von neuem Leben.
Armeebuch Bretonia, S. 63 „Das Herz des Lebens“ (Arkane Artefakte):
„Dieser pulsierende, moosüberzogene Stein unbekannter Herkunft glüht im Lichte des Lebens. Überall um seinen Träger herum sprießen die Pflanzen in erstaunlichem Maße; Eicheln werden zu Schößlingen und Schößlinge zu Eichen, während das Herz des Lebens an ihnen vorbeigetragen wird.“